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Metropolis (Fritz Lang, 1927)

Eine filmhistorische Einführung


Land: Deutschland
Regie: Fritz Lang; Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang; Kamera: Karl Freund, Günther Rittau, Walter Ruttmann
Darsteller: Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Rogge u.a.
imdb.com

Dieser Text ist im Rahmen eines zweiteiligen Vortrags entstanden, den ich im Kino Kunstmuseum und Lichtspiel / Kinemathek Bern gehalten habe. Ich habe darin versucht, die Aufgabe und Möglichkeit einer filmhistorischen Einführung zu reflektieren.

Taxonomie: 

Einer Einführung gebühren diverse Intentionen. Nicht immer wird der oder die Vortragende dem Film oder seinem Publikum dabei gerecht. Einführung kann bspw. Bekanntmachung, Anleitung oder Vorstellung meinen. In den folgenden zehn bis fünfzehn Minuten werden Sie von mir nichts Konkretes über die Handlung, Intention oder gar eine Interpretation des Films hören. Für diese Sachverhalte haben sie sich heute selbst auf den Weg gemacht: ins Kino. Das ist insofern eine ganz bedeutende Entscheidung, da ihnen der Genuss zu Teil werden wird Metropolis in möglichst historisch korrekten Rahmenbedingungen wahrzunehmen. Sie sehen heute eine restaurierte 35mm Kopie, in der Filmpartien enthalten sind, die erst im Jahre 2008 wieder aufgefunden wurden. In einem Filmarchiv in Buenos Aires tauchte eine Ur-Fassung von Fritz Langs Zukunftsvision auf, die es ermöglichte, die bis dato aktuelle Fassung von 2001 um 25 Minuten zu ergänzen, sodass wir heute Metropolis in einem nahezu vollständigen Zustand betrachten können. Dazu gilt es zu erläutern, dass im Jahre 1927 eine Verleihversion von Langs ungekürzter Uraufführungsfassung (Premiere am 10. Januar 1927) über den Verleiher Adolfo Z. Wilson nach Argentinien gelangt ist, die in den 1970er Jahren von einer abgenutzten 35mm Kopie auf ein 16mm Dup Negativ gezogen wurde. Trotz der Restaurierung im Jahr 2010 bleibt der Unterschied der beiden Fassungen stets sichtbar, wodurch bei der Lektüre genau nachvollzogen werden kann, welche Partien ergänzt werden konnten. Die Kürzung der Uraufführungsfassung fand einst durch die UFA aufgrund von wirtschaftlichem Misserfolg statt. Die Originallänge von 4189m wurde auf 3241m gekürzt und startete in dieser Form landesweit in den Kinos.
Sie finden einen Teil dieser genannten Informationen noch einmal auf der Leinwand in den Tableaus zu Beginn des Films wieder. Sie sollten diese Hinweise zu Restaurierung und Filmmaterial ernst nehmen, um der Filmlektüre gerecht zu werden. Noch immer ist der Film Metropolis nicht vollständig. Noch immer sind Fehlstellen vorhanden. Im Folgenden möchte ich den Blick auf Aspekte lenken, die zwar mit dem Film in Verbindung stehen; ihnen aber nicht unbedingt durch die Filmlektüre bewusst werden wird.

„Welch ein Glück, methodisch und überhaupt, in Lang einen Autor zu haben, dessen Kinoanfänge fast mit den Anfängen des Kinos identisch sind, ein individueller Werdegang, der eng verflochten ist mit den entscheidenden Entwicklungsetappen eines neuen Mediums.“ Frieda Grafe beschreibt mit diesem einleitenden Satz in ihr Essay Für Fritz Lang, Einen Platz, kein Denkmal die Wichtigkeit Fritz Langs für die Herausbildung des Massenmediums Film. Grafe weiter: „Die grundsätzlichen Fragen, die fundamentalen Probleme waren noch offen. Langs Antworten waren dieser Situation entsprechend allgemein, aber auch persönlich und erfinderischer, als es später möglich war, nachdem sich die industrielle Massenkunst perfektioniert hatte.“ Mit Metropolis sprengte Fritz Lang alle bis dato gekannten Dimensionen. Zahlen und Fakten illustrieren dies sehr deutlich: 180 Schauspieler, 35 000 Komparsen, 7 Millionen Reichsmark Produktionskosten (heutige Kaufkraft ca. 16 Millionen Euro), 153 Minuten Filmlänge, ca. 18 Monate Drehzeit. Nicht rein zufällig war Metropolis 2001 der erste Film, der in das UNESCO Register Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde. Allein durch diese Fakten ist die Wirtschaftliche Dimension und filmgeschichtliche Bedeutung evident.

Von Drehbeginn im Frühling 1925 bis zur Premiere im Januar 1927 vergingen knapp zwei Jahre. Wenn wir filmhistorisch bleiben wollen, dann geben Filme der damaligen Zeit abseits von Metropolis eine Perspektivierung. Ich möchte dabei kurz auf Berlin – Sinfonie einer Großstadt von Walter Ruttmann ebenso von 1927 und Menschen am Sonntag von Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer aus dem Jahre 1930 verweisen. Man kann sagen, dass Metro-Polis ein Film über Industrie, Gesellschaft und das Modell Großstadt in Form einer Zukunftsvision ist. Film und Großstadt. [Zitat Anfang] „Kinematografie: Foto-Aufzeichnung und Dokumentation der Dingwelt im komplexen Reichtum ihres Anblicks und ihrer Bewegungsvielfalt. Jeder Film, egal ob Spiel- oder Dokumentarfilm, kommt nicht umhin, primär dokumentarisch einatmend zu sein: Anblicks-aufsaugend, Bewegungs-inhalierend.“ [Zitat Ende] Dieser Klassifizierung des Films von Harry Tomicek in Was ist Film folgend, ist es nicht abwegig die zwei vielleicht eher dokumentarischen Arbeiten von Ruttmann und Siodmak/Ulmer mit Langs Metropolis zu kontrastieren. In gewissem Sinne handelt es sich bei allen drei Filmen um Zeitbilder, auch um Impressionen des Modells Großstadt.
An Ruttmanns Berlin-Film machen die beiden Filmwissenschaftler Elisabeth Büttner und Christian Dewald in ihrer Filmgeschichte Das große Brennen das Wesen des Dokumentarfilms fest, der ohne Tendenz und Handlung entsteht und die Prozesse, das Dargestellte für sich selbst sprechen lässt: [Zitat Anfang] „Die einzelnen Sequenzen werden durch formale und inhaltliche Analogien und Kontraste zusammengehalten; der Gegenüberstellung hungriger Kinder und reicher Prasser kommt dabei aber nicht mehr Bedeutung zu als dem Vergleich zwischen den Beinen eines Mädchens und denen eines Radfahrers: beide dokumentieren nichts weiter als die Vielfalt der Erscheinungen.“ [Zitat Ende] (Enno Patalas in seinem Standardwerk zur Filmgeschichte)
Menschen am Sonntag von 1930: [Zitat Anfang] „Berlin, ein Wochenende, ein Ausflug ins Grüne und ein Reigen amouröser Annäherungen und Enttäuschungen, so wunderbar schwerelos, genau und vielgestaltig aufgezeigt in ihrer Alltäglichkeit, als wären sie aufgelesen wie Fundstücke. Ein nur vage geplanter, danach der spontanen Reaktion, dem offenen Auge und Augenblick vertrauender Film von fünf einigermaßen bis ausgiebig unerfahrenen Ciné-Enthusiasten.“ [Zitat Ende] (Harry Tomicek)
Fritz Langs Metropolis ist freilich nicht dezidiert eine Vision des zukünftigen Berlin. Ich möchte jedoch in aller erster Linie auf die Tendenz der Zeit hinweisen das Modell Großstadt In-Szene-zu-setzen – sei es nun dokumentarisch oder fiktiv. In Metropolis ist diese Großstadt eine Struktur zweier Ebenen. Frieda Grafe paraphrasiert Fritz Lang: „Das reine Märchen, sagt Lang heute, diese Geschichten von den Antagonismen zwischen Hirn und Hand, die zu lösen wären durchs Herz. Das Hirn ist Kapital plus Wissenschaft, die Hand, das sind die Arbeiter, und das Herz ist die alte Liebe zwischen dem Kapitalistensohn und der Arbeitertochter.“

Sozialhistorische Rückblende: Die so genannten Goldenen Zwanziger von 1924–1929 gelten als Blütezeit deutscher Kunst, Kultur und Wissenschaft und wirtschaftlichen Aufschwung bis zur Weltwirtschaftskrise 1929 – in Wirklichkeit eine Scheinblüte auf Pump. Die Weimarer Republik scheiterte und der Aufstieg des Nationalsozialismus begann. Politische Diskrepanzen erschwerten den Umbruch vom Kaiserreich zu einer Republik. Diese Instabilität bekräftigte sich durch das eigennützige und nicht im Gemeinwohl stehende Handeln der Parteien. Auch die Weichen für die Wirtschaftskrise wurden in diesen Jahren gelegt, da es im Außenhandel ein Ungleichgewicht gab, welches durch kurzfristige Auslandskredite ausgeglichen wurde. Reparationszahlungen mussten zunehmend aus Krediten finanziert werden, wodurch der Abzug von Krediten den Kollaps der Wirtschaft auslöste. Außerdem gelang es der Regierung zu keinem Zeitpunkt die Arbeitslosenzahlen in der Republik unter eine Million zu drücken. Diesen Missstand wussten gerade rechtsradikale Gruppierungen durch Propaganda gegen Arbeitslosigkeit und Schulden für sich zu nutzen.

Zum Abschluss können sie sich die Frage stellen, ob das, was ich ihnen dargelegt habe, für sie einen Mehrwert besitzt oder nicht. Im Grunde genommen sind meine formulierten Aspekte nicht notwendig, um Metropolis begreifen zu können und sie thematisieren nur einen Bruchteil dessen, was dieser Film an Diskursen bereit hält. Im Sinne einer Bekanntmachung sollten sie jedoch genügen. Sie sollen nur eine Ahnung davon geben, welcher film- und gesellschaftshistorische Gehalt in diesem Werk steckt. Dabei wollte ich ganz bewusst unsere heutige Kinoerfahrung hervorheben, die unweigerlich aufgrund der Komplexität von Metropolis zu einem besonderen Erlebnis avancieren wird. Hin oder Her welche Vorkenntnisse sie im Hinblick auf diesen Film mitbringen, werden sie heute mit einem bestimmten Eindruck aus dem Kino gehen: Vielleicht sehen Sie in Metropolis eine zur Realität gewordene Zukunftsvision. Vielleicht fühlen Sie sich in eine Zeit manövriert, die für uns schon so fern scheint. Vielleicht interpretieren Sie in Fritz Langs inszenierte Zweiklassengesellschaft eine erschreckende Aktualität. All das bleibt Ihnen selbst überlassen.
Ich möchte mit einem Zitat aus Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz aus dem Jahre 1929 enden. Zur Erinnerung Franz Biberkopf kommt aus dem Gefängnis frei, will anständig sein und tritt hinaus in die Großstadt, deren Geschwindigkeit nicht zulässt, dass er kurz stehen bleibt und durchatmet, sich rehabilitiert:

[Zitat Anfang] „Der Entlassene saß allein. Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall. Er fuhr mit der Elektrischen, blickte seitlich hinaus, die roten Mauern waren sichtbar zwischen den Bäumen, es regnete buntes Laub. Die Mauern standen vor seinen Augen, sie betrachtete er auf dem Sofa, betrachtete sie unentwegt. Es ist ein großes Glück, in diesen Mauern zu wohnen, man weiß wie der Tag anfängt und wie er weiter geht.“ [Zitat Ende]

Ich wünsche eine gute Projektion.

(Bern/Bonn, 27.11.2012 & 05.12.2012)

Quelle und Verweise: 

ff