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Diagonale 2012

Zwei wahnsinnig unterschiedliche Filme mit disparatem Charme. Im Zusammenspiel eine definierte Aussage, die sie allein nicht formulieren könnten. Da ist zuerst Am Rand: ein Tag mit assoziativen oder eher assoziativ wirkenden Schnitten. Ein Alltag zusammengeklebt und formuliert. Mit bissigem, poetischem Unterton und der Ton ist ja ein elementarer Teil des Films: Wiener Schmäh, Atmosphäre, Geräusche. Ein Spiel das an Kubelkas Afrikareise erinnert. Da gibt es auch den Hang zu den Tierkadavern und der Schlachtung, dessen Bewusstsein uns in der heutigen Gesellschaft so abhanden kommt. Ein wunderbarer Film. Dann die Darstellung der Grazer Forum Stadtparteigruppe: inszeniert, wortgewaltig, skurril, witzig. Ein Zeitdokument keine Frage. Die ganzen Autoren und ihre Texte in ganz inszenierten Episoden, irgendwie auch vorgestellt und eingeführt. Da merkt man vielleicht auch wie deren Texte lesbar sind. Zumindest bekommt man den phonalen Eindruck davon, der wichtig ist für diese Sprachtradition.

Ein Passagen-Werk. Ein schöner Gedanke. Ganz viele kleine Episoden, die aneinander gereiht sind. Der Betrachtende ist gefordert sich daraus etwas zusammen zu setzen, assoziativ über Kontraststrukturen. Daraus entstehen Bedeutungen, die man nicht aufhalten kann, die man auch nicht vorher sehen kann. Das ist ganz natürlich und das ist bewusst so inszeniert, montiert, angefangen und durchgeführt. Ein Dokumentarfilm, der auf diese Weise gar kein Urteil der Machenden zulässt, zumindest nicht vordergründig. Eine reine Form von Dokumentation für mein Befinden, für mein Verständnis davon. Man merkt die Erfahrung und die Auffassung von diesem Filmgenre, dieser Art zu filmen. Dabei ist es völlig deutlich wie schwierig es ist die richtigen, nicht plakativen Bilder für dieses Land zu finden. Doch ganz im Sinne von Obama fühlt man sich aufgefordert Dinge zu tun und vielleicht auch den tradierten Bildern eine neue Richtung zu geben, den Betrachtenden in neue Bahnen zu lenken. Einigen Szenen bleibt die Originalität verborgen. Im Ganzen lösen jedoch unbeeindruckt neue Definitionen von Bildern aus. (T.O.)

Ein dunkler, düsterer Beitrag zur Trümmergeschichte in Berlin nach 1945. Am Tag gedreht und trotzdem ist Nacht. Die Magie des Films. Amerikaner oder amerikanische Exilanten kommen nach Europa um es zu porträtieren, in seinem IST-Zustand. Das ist auch ein Spielfilm über die gefallene, zerfallene Architektur. Der abgeschlossene Krieg ist immer präsent, ebenso wie der Konflikt zwischen den Besatzungsmächten: Aufeinander zu gehen, wäre eine Vorbeuge für den Jahrzehnte andauernden Konflikt zwischen zwei Ideologien. Die Frage ist auch, wieso das überhaupt nicht möglich sein soll. Diesen Gedanken spricht dieser Film aus. Das Zusammenspiel der verschiedenen Charaktere und der disparaten Auffassungen oder auch Ideologien funktioniert zumindest in diesem Fall, alles gegen das Aufkeimen einer nationalsozialistischen Idee in diesem Nachkriegsdeutschland. Interessant dabei ist und bleibt der Kontext der Exilforschung. Vor allem auch Friedrich Holländer scheint mir eine diskussionswürdige Figur dabei zu sein. Reinhold Schünzel hier ganz ohne sein Monokel. Das ist ein wichtiger Aspekt, bedenkt man, dass das Monokel zu dieser Zeit eher mit den Nationalsozialisten konnotiert war. (T.O.)

Zwei Dokumentarfilme über architektonische Studien, die unterschiedlicher nicht sein könnten – nicht nur die Filme sondern auch die Architektur. Da ist Cornelius Koligs Paradies – intim, gewaltig, eigenartig. Gezeichnet von Sasha Priker in sehr statischen, musealen Aufnahmen, zumindest aus der Perspektive der Kamera. Im Paradies ist Leben und das ist ja auch abgebildet und hörbar und schließlich ist es auch das, um was es diesem Künstler geht: Ursprung, Natur, Kreisläufe (Leben und Tod). Dass ist seit Jahren Koligs Anliegen. Über seinen Tod hinaus, seine Kunst lebendig zu erhalten: An den Klon! Diese Sprachfetzen aus seiner Volume I sind nur Anleitungen für einen oder mehrere künstlerische Prozesse für nach seinem Tod. Mit Mies van der Rohe ist der Film Colonnade Park in gewissem Sinne einem weiteren Künstler gewidmet. Aber in ganz anderer Form. Es ginge um die Architektur und doch sind es nur Geschichten von Menschen – oberflächlich, gealtert, fast schon abgestorben. Das ist Kritik, auch im Kontext der Unmöglichkeit Architektur dort zu filmen. Man könnte sie präziser erzählen! (T.O.)

Lager. Völkermord. Hinrichtungen. Verrat. Das Thema gäbe soviel her für eine pathetische Inszenierung mit groß aufgeladenen Metaphern. Das wäre natürlich absoluter Irrsinn und im dokumentarischen Sinne auch der falsche Weg. Anstatt dessen Gespräch, Dialog, Diskurs. In zwei so unterschiedlichen kambodschanischen Familien. Zum einen eine ausgewanderte Familie in Paris, nicht wirklich freiwillig gegangen oder mit dem direkten Ziel Frankreich. Vielmehr in allr Not ums Überleben gekämpft und dann geflüchtet. Eine andere in Kambodscha, die die Hölle überlebt haben, immer noch in ihrem Dorf lebend. Die Familien reden mit ihren Kindern und diese stellen Fragen. Aufarbeitung par excellence und man merkt an jedem Punkt wie schwierig und komplex diese Themen sind, weil es immer unterschiedliche Perspektiven gibt. Das wird ganz deutlich und es entsteht eine wunderbare Dialektik zwischen dem so distanzierten Blick der französischen Familien und dem Blick derjenigen, die in Kambodscha lebt, die also noch Vorort verwurzelt ist. Zeitlich alles in dieses Tribunal eingebettet, den Beginn in wirklichem Sinn. Es geht ja immer noch weiter. Da ist also keine künstliche Konstruktion, kein Erzeugen eines bestimmten Problemfelds. Das ist schon da. (T.O.)

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