Twitter RSS Flickr

Diagonale 2012

Beim Film zu Konrad Bayer eingeschlafen. Die Festivaltage zehren an meinem Gemüt. Das hat sicher wenig mit dem Film an sich zu tun. Bei Thomas Bernhard wieder hellwach. Der letzte Film für mich auf der Diagonale 2012. Das ist sicher nicht der schlimmste Abschluss und für mich ganz klar ein absolutes Muss. Es ist in meinen Augen der beste Film von Ferry Radax – innovativ, klar, kraftvoll. Das hat natürlich nicht zuletzt etwas mit Thomas Bernhard zu tun. Der Prediger sitzt auf einer Bank und schmeißt einen Merksatz nach dem anderen heraus. Die Signifikanz des Films ist, dass Radax seinen Protagonisten nicht ganz so ernst nimmt. Gut so. Er dezentriert ihn, zeigt ihn im Detail, ganz verschwommen durch den Fernseher gefilmt: Bild im Bild und immer ekstatisch Thomas Bernhards Stimme, sein Monolog. Schluss. Er scheint selbst entscheiden zu können was und wie lange er redet. Beendet alles. Sitzt einfach da, wortlos. Schwadroniert. Was macht Radax: Er stellt den Filmdreh, die Konzeption in den Mittelpunkt seiner Dokumentation: Kameraleute, Szenenaufbau, Kabelverlegen. Das ist die Magie dieses Monologs. Dass er das nicht ausspart. Schluss!

Einen Film machen. Über ein Thema, dass man kaum fassen kann. Einen Film gestalten. Mit einer Idee. All das erkennt man hinter Michael. Da gibt es keinen Pathos, nur die Täterperspektive. Sonst nichts. Der Täter ist völlig unscheinbar, hat kaum eine Biographie und das ist in der Tat überhaupt nicht wichtig. Hier geht es nur um den Ist-Zustand. Mehr nicht. Das impliziert einen ganz bestimmten Stil, eine Richtung, eine Meinung und man versteht den Dank an diesen Michael Haneke. Da ist ein ganz klarer Bezug in dem Rhythmus und dem nicht zeigen oder Auslassen von bestimmten Elementen oder Dingen, Strukturen. Das ist zumindest mein Eindruck. Mit dem was ich sehe, stehe ich ein bisschen in Konflikt. Es gibt nur das, was mir gezeigt wird, in klaren Bildern, in atmosphärischen Tönen, Alltag. Darüber geht es nicht hinaus. Doch was erfahre ich dadurch. Warum in dieser Weise einen Spielfilm formulieren. Es ist ein Pseudodokumentarfilm habe ich das Gefühl, der sich sich dessen Elemente irgendwo zu Nutze macht, um Zustände zu inszenieren. Der richtige Umgang damit? Ich weiß nicht. Oder der Bessere? Das dröselt sich mir noch nicht ganz auf. Was passiert mit mir, wenn ich das Gesehene versuche zu kontextualisieren. Was ist da der Kontemplationsprozess? Ich bin mit einem inszenierten Täter konfrontiert, eine exemplarische Studie dessen, was sein könnte. Irgendwo. Neben mir. Über uns. Das ist mir aber doch auch vorher schon bewusst. Oder etwa nicht? Was ist also der Mehrwert vom Film? Er inszeniert mir etwas? Da bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich diese Wirkung auf mich begreifen soll. Natürlich: tief betrübt, melancholisch, die Melancholie... Man nimmt das schon auf, was Schleinzer alles damit anders machen möchte und es gelingt ihm auch sein Konzept eindrücklich auf die Leinwand zu bringen. Keine Frage. Aber für mich ist dieses Thema so schwer konsumierbar, vielleicht auch, weil ich selbst Bilder dafür gesucht und für mich gefunden habe. Da gibt es keine Menschen. Da gibt es nur Struktur, nur Formen. Hier gibt es eine konstruierte Geschichte, die mich irritiert. Das ist vielleicht wirklich mein Problem trotz aller Brillianz des Films. Das ist eine Charakterstudie von einem Charakter, der so präzise dargestellt ist. Aber völlig distanziert, völlig weit... Da kommt man noch nicht wirklich damit klar, weil man nicht glaubt, dass es dieser Mann von nebenan gewesen war. (T.O.)

Ein schwarz/weißes Bild. Die Kamera zeigt uns teilweise sehr unscharfe Bilder. Eine alte Wiener Wohnung, die angefüllt ist mit irgendwelchen Materialien. Enge Gänge zwischen dem Zeug. Geschirr und Essensreste stapeln sich überall. In diesem Irrgarten lebt ein Mann, der von Schlaganfällen gezeichnet ist, den die Krankheit verändert hat. Es ist eine in Österreich bekannte Persönlichkeit. Das ist eine Schiene des Films, ein Porträt über den gegenwärtigen Zustand von Hermes Phettberg, den Wiener Polyp, das Wiener Sprach- und Stimmenungeheuer. Einst wuchtig, jetzt mit gleichem Charisma mit seiner Krankheit kämpfend, einen Ausdruck suchend. Andererseits – und das in meinen Augen eigentlich viel mehr – zeichnet der Film ein Porträt eines kranken Menschen, dessen Leben so radikal durcheinander geworfen wurde und jetzt nach anderen Parametern, vor allem zeitlich betrachtet, funktioniert. Dahingehend ist es ein wunderbares Zusammenspiel, dass uns einen Menschen zeigt, der unheimlich präsent ist und so sehr leben will, doch gleichzeitig auf die Hilfe Anderer angewiesen zu sein scheint, der alleine in seiner Wohnung Kreise dreht; ohne daran zu denken, damit aufzuhören. (T.O.)

Testament. Mein Testament. Sein Testament. Ich weiß nicht. Ein Film mit vielen Bezügen und vielen Irrungen, die irgendwo hinführen, mich persönlich nur nirgends hin tragen. Das andere Werk ist sein Paradestück. Freilich auch schwierig, assoziativ, aber es hat seine Wirkung auf mich – schreiend, tanzend, politisierend. Sonne, Halt. Die Sonne hält, was sie verspricht. Irgendwo, aber auch nicht ganz. Das kann aber definitiv an mir selbst liegen. Ich bin davon überzeugt. Es wäre absurd mir anzumaßen diesen Film beim ersten Mal sehen zu kritisieren, im Wissen dessen, was darüber geschrieben worden ist. Es ist völlig klar, auch im Bewusstsein seiner anderen Filme, dass da weitaus mehr dahinter steckt, das ich noch nicht oder in diesem Moment nicht erahne. Wieder diese Wiener Stimme, die über das Leben nachdenkt, in ihrer lakonischen, flappsigen Art. Der Dialekt scheint dabei eine wichtige Funktion einzunehmen, nämlich die der Übertreibung und illustren Ausstellung. Außerdem schwingt immer dieser Witz mit, den der Dialekt inne hat, vor allem für einen Außenstehenden. Ich bin gespannt auf die notwendige zweite Lektüre.

Fünf Geschichten. Fünf Lebensalltage. Mit Problemen und Schwierigkeiten. In Einsamkeit und in Familie. Eine Suche nach Bildern über Liebe und Themen, die zwangsläufig damit zusammen hängen wie Glaube, Beruf. Es ist ein Film mit einem sehr präzisen Charakter. Das merkt man in jedem Bild, in jeder Einstellung und im Endeffekt in jedem Filmkorn. 16Mm auf eine große Leinwand projiziert. Es ist warm und voller Emotion: Mit Video wäre das nicht passiert. Zudem statische Szenen, die die Möglichkeit geben zu beobachten, zu zeigen, auszustellen im positiven Sinn; die alltäglichen Handlungen in ihrer Echtzeit dokumentieren. Ganz klar. Es fühlt sich so homogen an mit der Struktur, mit einer klaren Idee, fundiert. Außerdem bilden die Geschichten, die Leben einen Fixpunkt, eine bestimmte Altersgruppe, die nicht mehr einfach vor den Problemen wegrennen können. In allem Glanz führt mein Gedanke nur zu einem Kritikpunkt, zu einer Problemstellung, die sich für mich während des Sehens konstituiert hat. Die Auswahl der Protagonisten gehorcht einem konventionellen Bild von Beziehungen oder nicht vorhandenen. Wo bleibt da Platz für Gegenbilder: Was ist Liebe? Eine viel zu kleinteilige Studie in diesem Sinn! (T.O.)

Seiten