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Diagonale 2014

Alle Filme von Boris Karloff, alle Masken dieses Schauspielers in einen Film gepresst: rund 170 Rollen und keine Szene aus dem gleichen Film aneinander montiert. Das ist das Reglement und gleichzeitig der notorische Zwang, denen sich Norbert Pfaffenbichler hingibt. Ein Jahr Schneidezeit, Recherche ein Leben lang, auch über den Film hinaus – wie verrückt, Kino- und Film-ver-rückter kann man sein; so schön; so geradlinig, so speziell... Das ist film- und kinoreferenzieller Experimentalfilm, wie ich ihn liebe – größenwahnsinnig, bestimmt und einsam produzierend. Erst in dieser Zusammenstellung, in dieser Komposition wird offenbar, welche Maskenwandlung Boris Karloff in seiner Filmkarriere dargestellt hat – vielschichtig, kontinuierlich, furchterregend. Dabei missachtet oder lässt Pfaffenbichler formale Aspekte der Spielfilme wie Farbe, Format oder Ton außen vor und montiert nach seinem Auge, die diversen Masken aneinander: zum Glück keine Chronologie, zum Glück keine Stringenz in diesen strukturellen Gegebenheiten. Um trotzdem in seinem fast 80minütigen Konvolut eine Ordnung hinein zu formen, legt er mehrere erste Kapitel an, die die Masken Karloffs und die Montageinterpretation Pfaffenbichlers in eine scheinbar schematische, thematische Ordnung bringen: Game of Death – mein Lieblingskapitel... stetiger Anfang, stetiger Beginn von vorne und eigentlich mitten hinein... Pfaffenbichler betreibt mit seinem Werk insofern einen komplexen Teil Filmgeschichtsschreibung anhand eines Schauspielers, über mehrere Jahrzehnte und Stilrichtungen hinweg. Da kommen viele Kader zusammen, die eigentlich nie zusammengehört haben, sondern erst in Pfaffenbichlers Zusammenstellung an Sinn gewinnen und in eine andere völlig differente Form gebracht werden. Was am Ende bei diesem Konvolut für den Betrachtenden herauskommt, ist so entschieden jedem Zuschauenden selbst überlassen und hängt vor allem auch von der Leidenschaft für den Schauspieler Karloff und die Kenntnis seiner Masken ab. Insofern bleibt Pfaffenbichlers Film vermutlich bei jeder neuen Lektüre ein hermeneutisches Offenbarungsvehikel. (T. O.)

Ins Tal steigt er hinab, um zu töten, sich zu rächen... Aus dem Tal steigt er heraus und spürt keine Befriedigung. In dem Racheakt für das Schicksal seines Vaters und seiner Mutter bringt Greider acht Menschen um: den Brennerbauer, seine sechs Söhne und den örtlichen Priester. Andreas Prochaska inszeniert mit Das finstere Tal knallhartes Genrekino, verortet in Südtirol, ein europäischer Western: natürlich mit Referenzen und Bezügen, die aber über eine reine Westernhommage hinaus gehen. „Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gerne machen lässt.“ In diesem Tal herrschen andere Gesetze. Die Bewohner ordnen sich einer gewaltsamen Hierarchie unter, derer die Brennerbauern vorstehen und auch vor sexueller Gewalt nicht zurückschrecken. Am Ende müssen sie mit einer gewonnen Freiheit umgehen, die sie nicht unbedingt wollten. Das ist nur eine Randbemerkung des Films und öffnet Gedanken die Geschichte weiter zu spinnen, verklärt aber auch ihr starres Akzeptieren der tyrannischen Kontrolle des Brennerbauern – mit gehangen, mit gefangen. Der Bruch durch Greider ist demnach weder als Erlösung für das Tal zu verstehen, noch für ihn selbst: ein reiner Racheakt und Sünde durch und durch. Diese Ambivalenz zwischen Suchen und Finden kommt wunderbar in der Inszenierung Prochaskas zur Geltung – opernhafte, übertreibende Filmmusik und eingewobene wummernde Popsongs: Leon Bibbs Sinner Man in zwei verschiedenen Interpretationen an den Anfang und das Ende gesetzt. Das und auch einige andere Elemente erinnern mich an Bunuels The Young One. Sam Riley als Greider spielt einen fremden, wortkargen Rächer, der fast immer tief vermummt auftritt. Rileys Gesicht stets mit einem emotionslosen bzw. gequält lachendem Ausdruck: gezeichnet und getrieben von seinem inneren Zorn. Die große Leistung des Casts diesen Schauspieler unbedingt für diese Figur besetzen zu wollen. Zu guter Letzt sind es die Kamerabilder, die dem Film eine Atmosphäre geben, die einerseits die Kälte und Brutalität als Stilmittel in einer gewissen Westerntradition zu nutzen weiß. Die Winter sind lang und kommen doch zu einem Ende... (T. O.)