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Fritz Lang

„Es gibt keine Gegenwart ohne direkten Bezug zur Vergangenheit. Und es gibt keine Vergangenheit, die ohne – oft negative – Folgen bleibt für Gegenwart und Zukunft.“ (S. 130)

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Wer oder was ist Fritz Lang?! Ein Augenmensch konstatiert Norbert Grob. Das offenbart Untertitel und Einband. Zwischen den Buchdeckeln 447 Seiten eine Narration der Bekräftigung dieser These. Natürlich könnte der Untertitel anders und doch treffend sein, aber mit Langs eigener Aussage, dass er ein Augenmensch sei, als Aufmacher des Buchs lassen sich die Kernthemen von Grobs Biographie signifikant in Beziehung setzen: Fritz Lang ist in erster Linie Beobachter der Welt in der er sich aufhält – akribisch, detailliert, besessen! In zweiter Linie ist er ein raconteur, wie ihn George Cukor auf der Reise von Paris nach Amerika kennen lernte und ihn retrospektiv beschrieb. Grobs Biographie ist voll von solchen Anekdoten und Geschichten, die das Leben und die Person Fritz Lang im Blickpunkt hat. Der Fokus auf seine Filme kann an dieser Stelle nicht zweitrangig sein: „Kino ist kein zweites Leben – es ist mein eigentliches.“ (Rückseite des Einbandes) Grobs Buch ist neben Biographie also auch Filmgeschichte durch und durch. Frieda Grafe schreibt in Für Fritz Lang. Einen Platz, kein Denkmal, dass es ein Geschenk ist mit Fritz Lang eine Persönlichkeit des Films begreifen zu können, die von Beginn an bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus das Medium entwickelt, revolutioniert hat und noch heute mit seinem zu prägen im Stande ist. Norbert Grob gelingt mit seiner Monographie ein entscheidendes Puzzlestück zu Fritz Langs Leben und Werk – flüssig, präzise, klar. Oszillierend zwischen Langs Problemen und Lösungen in seinen Welten in Deutschland, Paris und Hollywood gelingen Grob einige bemerkenswerte Passagen zu Lang. Allen voran das einleitende Kapitel zu Langs und Adornos Freundschaft, die ein Leben lang bestand und insbesondere der Abschnitt zu seinem Film Liliom, der andernorts zu oft marginalisiert wurde. Insgesamt bietet die Biographie aufgrund ihrer Verwobenheit mit den Krisen der jeweiligen Zeit auch europäische Exilgeschichte. (T. O.)

Denn Liebe ist der Start in den Tod. Der müde Tod: „Ich bin es müd' der Menschen Leid zu sehen.“ Es gibt kein Mittel die Entscheidung Gottes über Tod und Leben zu überwinden. Vielleicht ist die Liebe stärker als der Tod. Die Unsicherheit bleibt in diesem Satz existenziell. Der Tod eröffnet der Liebenden zwei Möglichkeiten den Tod ihres Mannes rückgängig zu machen, mit aller Voraussicht dieses ausweglosen Vorhabens. Erstens: Wenn sie einen Tod von drei Menschen, die bald sterben werden, verhindern kann, schenkt ihr der Tod ihren Mann. Das umkehrbare Schicksal? Welche Kraft hat der Mensch über das, was vorbestimmt ist. Kann er eine Wandlung mit seinem Handeln über den Tod hinaus herbeiführen? Zweitens: Innerhalb einer Stunde soll die Liebende dem Tod ein noch nicht vollendetes Leben schenken – unverbraucht und rein. Als Gegenleistung bekommt sie das Leben des Mannes geschenkt. Eine moralische Frage: Ist es moralisch richtig ein anderes, unschuldiges Leben (gar ihr eigenes) für ihren Mann zu opfern? Lang exerziert in Der müde Tod den Tod als etwas Unüberwindbares und die Frage nach dem Schicksal, dem Vorbestimmten: der Wunsch nach einer Überwindung durch Menschenhand – in Selbstbestimmung, in prometheischer Individualität, in Schaffenskraft. Nichts überwindet den Tod, selbst der Tod ist müde ob seiner Aufgabe für Gott Leben auszulöschen – hilflos, fremdbestimmt. Langs Bild des Todes als müden Arbeiter: in schwarzem Gewand, mit schwarzem Hut und tiefen Furchen im Gesicht – ausdruckslos, verbittert, reumütig. Die Verfilmung eines deutschen Volksliedes in sechs Bildern bietet stilistisch und dramaturgisch Innovatives: filmtechnische Effekte und Exotik von Vers drei bis fünf. Zeit- und Raumsprünge definieren das Medium Film und Langs Bild davon: „Wer sein Leben wegwirft, der wird es gewinnen.“ (T. O.)

Erste Lektüre: Pointiert trägt uns die Montage – innere wie äußere – durch den mittleren Westen. Immer im Zusammenspiel mit diesem stimmungsgebenden Lied: HATE, MURDER and REVENGE. Alles zusammen gibt einen wunderbaren Western, der weit mehr Facetten liefert, als uns der Prolog mit dem Lied verspricht. Da gibt es ferner den Diskurs um diese Frau/Mann Symbiose von Marlene Dietrich, die als Barmädchen begann und mit ihrer Ranch ein Mannsweib gibt, das keine Vergleiche kennt. Inwiefern Fritz Lang dabei gleichzeitig ein Bild von der Schauspielerin selbst zeichnet, ist eine interessante Frage. Definitiv kann man Genderproblematiken diskutieren, die gerade im Zusammenhang mit dem Western höchst spannend sind. Western meint zumeist eine Männerdomäne, in dem Frauen nur hübsches Beiwerk sind. In diesem Film löst der kaltblütige Mord an einer Frau am Beginn des Films die gerechte Selbstjustiz ihres Mannes aus – was ist schon gerecht. Die Männer, Räuber und Mörder, im Outlaw verstecken sich auf einer Ranch, die von einer Frau dominiert wird, für die sie quasi anschaffen gehen. Eine wunderbare Konstellation. Vielleicht der bessere Western von den Dreien Langs. (T.O.)

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Zweite Lektüre: Mit diesem Einstieg à la Brecht moralisiert Lang von Beginn an, weckt Versprechungen, die nicht enttäuscht werden: HATE, MURDER and REVENGE. Das ganze in Technicolor und ich kann nur diese miserable DVD-Version betrachten. Eine Sünde. Das Glücksrad als Schicksalsberg: chuck-a-luck. Der eigentliche Titel des Films. Aber viel interessanter natürlich, dieser fallende Star, diese Dietrich: „Risking your life for a bottle of perfume.“ Frenchy ist verrückt nach diesem Mannsweib, das nur scheinbar als solches auftritt. Ihre Sehnsucht und Fragilität – welches Klischee – werden eigentlich deutlich dadurch, dass sie diese zu unterdrücken versucht. Dabei schwingt in jeder Szene der eigentliche Mythos dieser Darstellerin mit, die sich nicht mit ihrem Alterungsprozess abfinden mag – welch jämmerliche Kreatur: „I'd wish you go away, come back 10 years ago.“ Altar Keane fleht darum ihre junge Schönheit nicht zu verlieren und findet sich nicht mit ihrem Alterscharme ab – er ist zweifelsohne da. Welch Tragik, welch Melancholie. Natürlich ist da in diesem Western kein richtiger Platz für sie. Sie bleibt Fremdkörper den ganzen Film und scheint erst mit ihrem Tod einen rechten Platz zwischen den Männerhelden gefunden zu haben. Der eigentliche Plot um die Rache eines Mannes für den brutalen Mord inklusive Vergewaltigung gerät dabei zum Nebenstrang. (T.O.)