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Lars von Trier

Da wird gefickt. Rein und Raus. Raus und Rein. Ficken und Tod. Nicht Ficken und Leben. Da wird gefickt und jemand stirbt. Nebenan. Dort wird gefickt und dort drüben stirbt ein kleines Kind. Etwas einst Geborenes stirbt. Ist also tot. Ja. Erst wurde es geboren. Jetzt ist es mausetot. Doch nicht durch das Ficken derer die das Geborene fickend erzeugt haben, ist ein Kind gestorben, sondern durch das was verborgen ist, durch das was verschollen, nein, vergraben worden ist und weiter vergraben wird. Mit dem Ficken oder Gefickt werden weiter eingraben. Immer wieder etwas Neues darauf schütten oder schütten lassen. Dort unten. Tief im Innern kann das Eingegrabene oder Zugeschüttete nicht gehört und nicht gesehen werden. Es ist aus dem Sinn. Nicht aus der Welt. Das nun nicht gleich. Aber aus dem Sinn. Also noch einmal. Mann und Frau ficken. Wild. Hemmungslos. Hart. Sie ficken und ihr eigenes Kind stirbt. Nebenan sieht dieses Kind erst seine Eltern ficken und dann geht es zum Fenster und stirbt. Das Kind fällt. Das Kind fällt und die Welt stürzt ein. Für die beiden Fickenden bricht eine Welt zusammen. Das ist das Ende (nicht des Films, aber zumindest ein Ende des bisherigen Lebens). Das ist der Tod. Das Kind ist tot. Mann und Frau zurückgelassen. (T.O.)

„Because in the musical nothing dreadful ever happens.“ Nach dieser von Selma getroffenen Definition kann Dancer in the Dark kein Musical sein. Ist es natürlich auch nicht. Aber zu einem gewissen Teil ist es das Thema des Films. Die Hauptfigur singt sich alles, was ihr widerfährt schön oder transformiert es in eine Musicalatmosphäre, die ästhetisch durch höhere Kontrastwerte markiert ist. Von der Handkameraästhetik weicht Trier dabei niemals ab. Eigentlich ist der Film an sich ganz harter Stoff. Gerade der Kontrast zwischen Krankheit, Mord, Todesstrafe oder Hinrichtung macht den Film erträglich, vor allem für den Zuschauenden wie auch für Selma, die nur für eine Sache kämpft: dem Glück für ihren Sohn. Dafür ist sie bereit zu sterben und vor allen Dingen bereit zu töten. Dabei ist es gerade Björk, die dem Charakter die nötige Überzeugung verleiht so verwachsen mit der Musik zu sein. Das ist so kraftvoll und absolut ehrlich. Sie ist die perfekte Verbindung zwischen diesen hyperrealistischen Aufnahmen und den hyperästhetisierten Sequenzen der Tagträume. Sie ist der Grund warum dieses Zusammenspiel funktioniert. Ganz sicher weil es von ihr komponierte Musik ist. Hier ist nichts aufgesetzt und doch alles inszeniert. (T.O.)

Ich kam in eine Stadt und wurde Stück für Stück zum Hund dressiert. Ich kam in eine Hundestadt. Eine Stadt voller Hunde. Menschen sind in dieser Stadt Hunde. Bellen und Jaulen. Sie sind verräterisch. Diese Stadt hat Menschen zu Hunden dressiert. Tiere sind die Menschen geworden und das was die Stadt mit ihnen angestellt hat, machen sie jetzt mit mir. Mich dressiert diese Stadt mit Hilfe der Hunde. Sie haben mich nach einer Zeit an eine Kette gelegt und mich zu ihrer Sklavin umfunktioniert. Ich war kein Hund mehr, sondern weniger als das; noch weniger Wert als ein Hund in dieser Hundestadt. Die Hundemännchen in dieser Hundestadt haben sich an meinen angeketteten Körper vergnügt. Die Hundefrauen missbrauchen mich auf verbaler Ebene. Hundewelpen treiben ihr kindliches, naives Spiel. Ich bin eine Sklavin in einer Hundestadt. (T.O.)

Europa. Ein hypnotisches Trauma, das unvergessen bleibt. Europa. Eine Innovation technischer und dramaturgischer Natur. Was kann dieser Film: Alles! Was zeigt dieser Film: Eine Illusion, eine aufgeladene Illusion und traumatische Welt. Das Verhältnis von Fiktion und Wahrheit, die Diskrepanz ist ad absurdum geführt. Es gibt nur ein Europa nach dem Krieg in Deutschland 1945. Da will doch niemand sein, also konstruieren wir uns eine hyperinszenierte Fiktion, völlig verdreht. Beispielsweise: Ein Zug fährt aus der Lagerhalle heraus, gezogen von Kindern und Armen, eine offenbarende Reise, es fließen Tränen, eine melodramatische Musik setzt ein, Close Up von Kesslers Gesicht, der Mond im Hintergrund ist überproportional. Ein inszenierter Kitsch. Doch diesem Kitsch kann man sich nicht entziehen. Count to Ten. Wir sind in Hypnose bei der Lektüre des Films. Wir sind andere Betrachtende, weil der Film auch alles, was bis dato da war, nicht mehr gelten lässt. Alles wird neu definiert und trotzdem bleibt altes Bezugspunkt, Quelle, Ausgangsmaterial für diesen Lars von Trier, diesen Magier, diesen präzisen Zeitgeist. (T.O.)

Earth and Death. Das Leben mein Tod. Das Sterben eine große, fast stille Depression. Ich bin im Nichts. Im Nirgendwo. Meine Melancholie trage ich nicht im Herzen, sondern sie wird mir von Außen, von etwas Größerem herangetragen. Sie fliegt auf mich zu. Bis zum Tod. Das Ende meiner Melancholie, meiner Depression ist immer der Tod. Die Explosion. Das Ende. Doch viel mehr zum Film. Ein Prolog und zwei Akte. Ganz laut. Epochal. Und ganz still. Im Kleinen. Die Kleinigkeit, die sich auftürmt zu einem großen Schlag, dem absoluten Gau. Ins Nichts. Das Nirgendwo. Du bist und bedeutest mir nichts, weil ich selber nichts mehr bin und nichts mehr bedeute. Da ist nichts mehr aus dem Weg ins Nichts; das Nichts, das unausweichlich ist. Nichts dagegen tun können. Nur sterben. Das Sterben vollzieht der Film. Das Bewusstwerden über das Sterben – das ja schon angekündigt ist – vollzieht der Film. Erster Akt: Justine. Die Kamera ist unruhig. Sie sucht nach Lösungen. Sie sucht nach Auswegen. Da ist noch Unverständnis. Da ist noch Unklarheit und das Bild bleibt wild. Doch zunehmend wird klar, da ist nichts anderes mehr als das Sterben, als Depression, nur noch die Akzeptanz von Tod. Zweiter Akt: Claire. Nichts ist klar. Alles bleibt ein unklares Gefühl. Es hilft keine Ratio mehr – und die nimmt sich schließlich auch selbst den Tod. Es hilft kein Denken, weil das Denken ja zu nichts mehr führen kann. Es hilft kein handeln. Es hilft kein Vorbeugen. Dort ist kein Weg hinaus oder hinein. Es gibt keinen Schutz. Kein mögliches, zukünftiges Leben. Nur eine kleine, imaginäre (Indianer)Hütte, die Illusionen vortäuscht, wobei längst allen das Reale klar ist. Man schützt sich nur noch vor der Angst. Angst vor dem Tod. Sonst nichts mehr. Nichts. Nirgendwo. Aus. (T.O.)