Twitter RSS Flickr

Woody Allen

Eloquent, lustig, atemberaubend herzlich – Woody Allen und Diane Keaton sind meine Filmhelden. Natürlich in New York, wo sonst. New York als Lebensgefühl, als Lebensweisheit, als Großstadt mit Charme, Charakter – hier auch der Charakter von Depression. Die Stadt als wichtiger und einflussreicher Protganonist, der die anderen führt, beeinflusst, stetiger Bezugspunkt ist und nicht nur Kulisse. Pittoresker Hintergrund. Lieferant für Atmosphäre. Nicht nur das. Die Stadt als weibliche Figur, die eine Liebesbeziehung zwischen dem neurotischen Singer und Annie Hall beeinflusst: Sie ist schlichtweg auch Lieferant von Kultur. Es läuft The Sorrow and the Pity von Marcel Ophüls in den New Yorker Kinos. In welcher Stadt und welcher Metropole sonst. Das Sinnbild. Das Ebenbild einer offenen Stadt. Sie formt die Charaktere, macht New Yorker aus ihnen oder eben nicht – wie eben diesen neurotischen Singer durch und durch. Aber auch diese Annie Hall, ganz klar. Letztendlich landen eben alle wieder dort, in dieser Stadt, vor und in diesen Wolkenkratzern. (T.O.)

Jeanette alias Jasmine kontert dem leben und seinem lebenswerten Aspekten durch ihre manische Depression. Woody Allen begibt sich mit dieser Figur zurück zu seinem Interiors Film und zur Mutter dieser Familie, die auch in manischer Depression Selbstmord begeht und zuvor alles und jeden durch ihre innenarchitektonischen Ansprüche zum Wahnsinn treibt. Jasmine ist ganz anders und doch in gewissem Sinne eine tiefere Analyse dieser gebrochenen Familienmutter aus den 70er Jahren. Insofern ist auch Blue Jasmine ein zutiefst melancholischer Film, wobei die komödiantischen Elemente sich an seinen letzten Arbeiten orientieren. Jasmines Identität ist eine erlogene Persönlichkeit, die überstrahlt von ihrer bedingungslosen Schönheit; bedingungslos deshalb, weil Cate Blanchett selbst beim Weinen, mit verrotztem und erschütterndem Gesicht nicht aufhört präsent, schön zu sein. Der Facettenreichtum dieser erlogenen Figur biete Blanchett die Möglichkeit all ihr Repertoire auf den Tisch zu legen – ehrlich/verlogen; zerbrechlich/überzeugend; selbstgefällig/anhänglich... Alles vorhanden, alles auf die Spitze getrieben. Allen stellt die Figur und damit die Schauspielerin in die Mitte, das Zentrum seiner Geschichte und fokussiert die Kamera auf ihr Gesicht, ihre Stimme omnipräsent, ihr Handeln: nichts und niemand hat Platz neben diesem Ich-Zentrum. Die Komödie, die sich im Umkreis dieser Figur abspielt, evoziert die Dreistigkeit und Unfassbarkeit ihrer Person, ihres Umgangs mit ihren Mitmenschen bzw. denen, die sich nicht mehr als zentralen Körper wahrnehmen, sondern an den Rand stoßen: selbst ihren betrügerischen Ehemann stößt sie mit ihrer Ich-Mensch-Aktivität in den Tod. Alles um sie; alles mit ihr, alles auf sie abgestimmt. Die Unstimmigkeiten ihres Lebens, sind der Tod der ganzen Welt. Jasmine als das Epizentrum einer Geschichte mit bedrückend offenem Ausgang. (T. O.)

Schwarz/weiß. Ungeschminkt. Absolut natürlich ist der Eindruck von der Skizze, die dieser Film von diesem Celebritygeschäft zeichnet. Dabei hat man stets den Eindruck in einigen Szenen spielen sich die Darsteller selbst. Das ist so wunderbar. Dieses endlose Zusammenspiel von Figuren; von Schauspielenden; ein Starensemble für Woody Allen -- das ist natürlich eins seiner Markenzeichen. Auch dieser Film offenbart dem Zuschauenden einen Moment von filmischer Ruhe. Mit dem Ende wird man wieder aus einer Welt herausgerissen, deren Teil man zunehmend geworden ist. Leichtfüßiger Film. Komödiantische Geschichten. Wunderbar. Einfach. Es sieht zumindest einfach aus. Dieser Kenneth Branagh in Midlife Crisis, der eigentlich stagniert, wenngleich er es ist der lebendig sein will -- traurige, psychotische Figur! Darin erkennt man einen spezifischen Aspekt des Celebritylebens. Es rast vorbei. Entweder man schließt sich an und geht das Tempo mit oder man wird mit befremdlichen Tönen und Fürsprachen überrollt. Das ist die Celebrityformel, die Allen uns hier ein Stück weit zeigt. Natürlich alles in komödiantischer Weise, die Freude macht, dahin schweift, segelt. (T.O.)

Welche Formen kann der Sex alles annehmen, welche Anomalien, welche Perversionen; das klingt so abwertend; welche Leidenschaften. Die Lust ist ein wunderbares Laster, dass uns auch unbegründet zu Höhenflügen antreibt. Zu bestimmten Fragestellungen eine lustige, komische Episode, Situation schaffen; mal mit und mal ohne Woody Allen, relativ unmotiviert bzw. unbegründet die Geschehnisse, die Lust entwickelnd; völlig willkürlich teilweise und naturgemäß mit vielen Klischees behaftet, auch sprachlich variierend; ein verrückter und früher Film; wieder wie eine Studie, ein Essay für Allens spätere – weitaus komplexeren Filme. Trotzdem ist natürlich schon die standesgemäße Allenkomik vorhanden; die entwickelt er hier schon; den Wortwitz; den Hang auch Werke zu zitieren; hier natürlich nicht nur Shakespeares Hamlet. Nicht nur das. Ein spielerisches Komikgeschäft mit Hang zu lüsternen Eigenwilligkeiten – und trotzdem scheint die Episode über die Sodomie mit Tieren; ohne Allen; diese zu sein, die am Besten funktioniert; gerade eben weil die Konstellation in ihrer Absurdität so realistisch scheint – beschäftigen wir uns doch wieder mit der Improvisationskomödie. (T.O.)

Erste Lektüre: Drei Geschwister. Eine Familie. Zahlreiche Geschichten, die sich auf und ab bewegen. Die Witze auf unheimlich gutem Allenniveau. Es ist unfassbar wie er diese Geschichte schreibt, zusammen webt, das man glauben möchte es könnte ewig so weiter gehen mit diesen Geschichten in diesem New York, das auch hier wieder wunderbar in Szene gesetzt ist. Man fängt mit Allen an New York zu idealisieren, die kunstsinnigen Menschen zu vergöttern mit ihren individuellen Lebenskrisen, Sehnsüchten und Formvollendungen der Liebe. Es kommt so sehr auf den Moment an, in dem man sich begegnet, so sehr willkürlich kommt der Tag daher, das Leben. Allens Umgang mit den Schauspielenden, die Freiheiten, die er ihnen zu lassen scheint, damit all ihre Stärken entfalten können, dieses Allensche Potenzial – furchterregend, erhaben, natürlich, ehrlich. Ein Schauspiel im lebendigen Alltag, das die Individualität unterstreicht, markiert, beschreibt – familiär, emotional, realistisch. In irgendeiner Bewegung, in irgendeiner Geste, in irgendeinem Moment kommt man sich so teilnehmend vor – wie ein Bruder, wie eine Schwester. Nicht nur drei Geschwister. Unendliche Zusehende – unendliche Bildgewalt, unendlicher Film – Musik, Unterhaltung, Glanz. (T.O.)

,

Zweite Lektüre: Wer oder was ist diese Frau Hannah? Eine Schwester und eine Ehefrau. Das ist klar. Gleichzeitig ist sie Mittelpunkt und Säule der Familie, nicht nur jedes Thanksgiving. Sie ist vielmehr eine zentrale Figur, zu der alles Hin und wieder zurück führt. An der alles entschieden wird. Sie trägt die Verantwortung für den ganzen Film, obwohl sie – und das ist irgendwie mehr als augenscheinlich – nicht den Hauptteil des Filmbildes einnimmt. Sie ist in diesem Sinne eine Art Randfigur. In anderem Sinne ist sie das natürlich nicht. Sie ist immer präsent, auch wenn sie nicht direkt im Film auftaucht. Sie ist immer da; als regulierende Kraft, die die ganze Familie zusammenhält – wie ein schwerer, unaufhaltsamer Stein. Doch damit nicht genug. Alle sehen sie als gelungenes Exemplar der Gesellschaft – aufopfernd, familiär, erfolgreich, stringent. Doch auch ihre Ehe(n) krieseln und haben ihre Probleme. Doch das ist privat. Das ist höchste Intimität. Da darf nicht drüber geredet werden und falls doch ist der Teufel los. Das kann diese Hannah nicht begreifen wie private Dinge diskutiert werden können. Hannah ist auch zerbrechlich, energisch, egoistisch. (T.O.)

Seiten