Twitter RSS Flickr

Bern

Dokumentarfilm ist: eine besondere Frage der Form. Ulrich Schweizer führt uns mit seiner Arbeit rund um den Nigerianer Victor vor, was es heißt für ein kontroverses Thema eine einschlägige Form zu finden und sie – viel wichtiger noch – konsequent zu verfolgen. In gewissem Sinne handelt es sich bei der Struktur um 15 Kapitel, die durch Zwischentitel markiert sind. Die erste Besonderheit liegt für mich darin, dass Schweizer zahlreiche Interviews dokumentiert, die zum Ende hin auch als separate, also eigenständige Gespräche wahrgenommen werden. Die abschließenden Reflexionen bedeuten einen perfekten Abschluss des Films. Wobei in jedem Kapitel teilweise nur kurze Phrasen zusammengeschnitten werden. Zu jedem Zeitpunkt ist ersichtlich, dass der Begriff mise-en-scène im besten Sinne verwendet werden darf. Eine zweite Besonderheit des Films muss daran fest gemacht werden, dass Victor, der afroamerikanische Protagonist, zu keinem Zeitpunkt zu einer Figur wird, nicht präsent ist, sondern ausschließlich eine Erzählung bleibt. Aus den 80minütigen Kommentaren muss sich der Betrachtende seinen Charakter zeichnen und hat dabei die notwendige Ambivalenz vor seinen Augen. Dadurch respektiert man das heikle Thema der Fremdenfeindlichkeit aufs Äußerste. Seine Hautfarbe wird nur durch Worte ausgestellt und nicht im Bild präsentiert – eine bewusste Entscheidung. Die bedingungslose Unabhängigkeit der Produktion ist damit mehr als evident. (T.O.)

Ballett und regionaler Rock/Pop/Metal. Eine unglaubliche Kombination und von diesem Kontrast lebt dieser Film unheimlich. Das Kellergewölbe des Proberaums – stickig, verschlossen, klein. Der Ballettübungsraum im Stadttheater Bern – groß, hell, verspiegelt. Beide haben den Mut sich auf solch ein Projekt einzulassen und auch das gehört zu dem Film, vor allen Dingen, weil auch die Bereitschaft sich filmen zu lassen zu diesem ganzen Prozess gehört und da scheint nichts gestellt, dramaturgische Handlungen, die überhaupt nicht abzusehen waren und alles verändert haben: Der Burn-Out der Hauptdarstellerin. Eigentlich handelt es sich ja um zwei verschiedene Teile mit demselben Ziel. Auch der Bandaustritt war wohl nicht vorprogrammiert, sonder Teil der Prozesse, völlig unabhängig vom Film. In diesem Sinne funktioniert der Film wunderbar, weil das Dokumentarische einen Charakter bekommt, der sich darauf definiert Beobachter in möglichst ausgeprägter Form zu sein. Das heißt viel Material und viel Schnitt/Montage-Arbeit. (T.O.)

Man muss da gar nicht groß über die Faszination des Themas diskutieren. Die Messiekrankheit ruft alle Reaktionen hervor, die ein Mensch darbringen kann. Von Lachen bis Angst um die Erkrankten. Aber nie ist da wirklich Mitleid. Man kann das teilweise so gut nachvollziehen und irgendwo ist das Aussortieren von Dingen in einer Wegwerfgesellschaft stetig schwieriger gleichzeitig notwendiger. Der Film dokumentiert aber eine ganz andere Ebene. Es sind die menschlichen Existenzen, die da von Interesse sind. Das ist ganz bedeutend, dass es hier um Schicksale geht. Vielleicht macht das den Film so ungeheuerlich sympathisch. Es ist schon ein großer Verdienst des Films, dass man sich da nicht gelangweilt fühlt oder irgendetwas. Einfach wunderbar und man fühlt mit diesen Menschen. Ja. Auch ein Film über Menschlichkeit – einfühlsam, direkt, ehrlich. Doch was gibt es zu kritisieren? Sicher geht mir die Auseinandersetzung von mehreren Einzelschicksalen im Bereich der Dokumentation zunehmend auf die Nerven. Dann möchte ich lieber einen Kurzfilm über eine Person und dabei Tiefe. Das wäre einmal eine interessante Herangehensweise. Vielleicht gerade deshalb habe ich das Gefühl noch länger hätte schauen zu müssen. (T.O.)

Oftmals bleibt eine Idee nur eine träumerische Spielerei, weil sie so absurd oder so unzeitgemäß ist, das verschiedene Faktoren es nicht zu lassen, damit erfolgreich zu sein. Walter Messner hat solche eine Idee und kämpft dafür oder hängt sich daran. Am Ende wirkt seine Manie so absurd, so unwillkürlich. Aber wenn man gefilmt wird, hat man vielleicht auch einen anderen Zwang, eine andere Aufgabe. In jedem Fall macht es Spaß diesem Mann zuzuschauen – exzentrisch, kritisch, herzig. Ein Lebemann vor dem Herrn und gleichzeitig ein unaufhörlicher Arbeiter. Das er jetzt ganz unverhofft verstorben ist, trübt die Stimmung ein wenig und trotz allem Charme der Idee, der Fakt, dass dieses Vorhaben nicht in dem Sinne möglich war. Das fehlt dem Film irgendwo, aber vielleicht könnte man dann das Scheitern dezidierter thematisieren, aber für Messner war es schließlich doch ein Erfolg, eine vollbrachte Tat. Nur ist es fragwürdig für mich, ob das dann aus ihm selbst gekommen ist oder nur der Drang das zu tun, das Ziel irgendwie zu erreichen, auch wenn es nicht dem entspricht, was man eigentlich vorhatte. Damit habe ich schon ein Problem beim Erleben des Film, da fehlt mir der Anreiz, das absolute I-Tüpfelchen. (T.O.)

Ein Mann. Ein Café. Eine Welt. Musik und Leben. Musik und Lebendigkeit in Thun. Alles abhängig von diesem Mann, von dieser Institution, diesem Original Mensch. Das ist stets der Ausgangspunkt für diese Form von Menschen – ihre Originalität. Aber hier funktioniert das so wunderbar, so kurzweilig, so präzise – kurz, informativ und doch spritzig. Weil so innovativ ist das dann doch nicht – einfach ein wunderbares Zeitdokument und das ist wichtig in dieser Form. Das ist wichtig für den Schweizer Dokumentarfilm, für die Kultur. Trotzdem: Was bleibt übrig davon? Was ist da die Besonderheit im Sinne von dem Dokumentarischen – ganz klar, dass man nicht merkt wie die Kamera auswählt, sondern zeigt, einfach soviel Eindrückliches zeigt wie möglich. Das ist wunderbar. Das Ganze durchbrochen von einem Sammelsurium an Zwischentableaus, die dem Ganzen eine Struktur geben, dies es ordnen. Aber das ist eine recht freie Entwicklung, die unheimlich Spaß macht – fast wie ein ironischer Kommentar wirkend. Da geht man aus dem Kino raus. Und hat etwas erfahren, einfach so – unterhaltend, simpel, abschließend. Man hat nicht das Gefühl noch mehr sehen zu können, sondern einfach erleben zu müssen. Das ist auch das, was vielleicht vermittelt werden soll. (T.O.)