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Biographie

Bilder für Geschichte, Faktizität zu finden, ist für den Spielfilm einer der allerhöchsten Aufgaben. Steve McQueen bewältigt dieses Unterfangen mit unglaublicher Nachhaltigkeit. Die Bilder, die er für Solomon Northups Geschichte findet, bleiben nachhaltig eingepflanzt im Kopf. Nicht aufgrund von Brutalität oder Effekthascherei ist 12 Years a Slave ein einprägsamer Film, sondern vielmehr die Ruhe und Ausdauer der Inszenierung den Facettenreichtum von Rassismus, Sklaverei und körperlicher, sexueller Nötigung zu diskutieren. Das ganz persönliche Schicksal von Northup ist der Aufhänger für eine Sozialstudie, die tief hineingeht in die Geschichte und Bedeutung der Sklaverei – authentisch, recherchiert, unprätentiös. In 12 Years a Slave steckt nicht Gewalt um der Gewalt willen, sondern um den realen Misshandlungen nahe zu kommen. Dabei nimmt Steve McQueen sich sehr viel Zeit, um an den Punkt zu gelangen, an dem die Form von Gewalt unerträglich, auch eine Qual für den Zuschauenden wird: die Peinigung und Auspeitschung von Patsey. Die Nötigung von Edwin Epps, dass Northup selbst diesen Akt der Willkür vollzieht, potenziert dieser Szene. Zuvor zeigt McQueen jedoch zu keinem Zeitpunkt so drastisch sadistische Gewaltakte. Die Wichtigkeit dieses Films offenbart sich nicht an Preisen oder an positiven Kritiken, sondern an seiner Konsequenz, auch für jeden einzelnen Zuschauenden. Ich bin berührt von Handlung und geschichtlichem Diskurs einerseits und begeistert von der filmischen Komposition – politisch, präzise und völlig unspektakulär. Sklaverei wird nicht ausgestellt oder für Dramatik ausgenutzt, sondern als faktische, brutale, soziale Problematik eruiert. Die Ambivalenz der Handhabung von Sklaverei wird über die Darstellung des diversitären Umgangs der Guts- und Sklavenbesitzer deutlich. Dass Michael Fassbender mit Edwin Epps den brutalsten und berüchtigsten von allen verkörpert, ist für mich die mutigste Besetzung des gesamten Casts – cholerisch, unberechenbar, überempfindlich und so zerbrechlich. (T. O.)

Als Europäer ist die amerikanische Seele seit 9/11 etwas, das schwer greifbar ist. Die Kriege in Afghanistan und dem Irak haben Europa und Amerika zutiefst gespalten. Faktisch reagiert ein amerikanisches Publikum auf ein Thema wie in American Sniper in einer besonderen emotionalen Bindung. Chris Kyle zieht als Teil der Spezialistentruppe Navy SEALS in den Krieg und verteidigt sein Land und seine Werte so gut, dass er Stück für Stück von seinen Kollegen in einen Legendenstatus gehoben wird. Clint Eastwood inszeniert mit diesem Film ein hochaktuelles und für das amerikanische Volk traumatisches Thema und eine besondere Biographie, die eine große Gefahr der Heroisierung und plakativen Überzeichnung von Leistungen im Krieg mitbringen. Eastwoods Film ist glücklicherweise zu keinem Zeitpunkt dieser Gefahr verfallen. Die Heroisierung von Kyle findet nicht im Film statt, nur in den Köpfen des Zuschauenden. Die Inszenierung wirkt entgegen dessen und doch entscheidet sich Eastwood diese Geschichte zu erzählen – ein schmaler Grat. Aber genauso schmal ist der Grat der Kritiker, die Eastwood hier eine kriegsverherllichende Inszenierung unterstellen wollen. American Sniper zeigt einen Krieg der sinnlos, willkürlich und heroisierend ist: für über 160 Morde wurde Kyle mehrfach ausgezeichnet und gerühmt. Sein Patriotismus geht über das Normalmaß hinaus, stets an Pflicht gegenüber Land und Kameraden denkend. All das ist Thema des Films, weil es Teil dieser Biographie ist, nicht mehr aber auch nicht weniger. Eastwood zeigt aber auch und in erster Linie Kyles Rücksichtslosigkeit gegenüber seiner Familie, den Drill im Trainingscamp und die Wurzel seiner Begeisterung für den perfekten Schuss: im tiefsten Texas lernt er noch von seinem Vater wie man tötet und sich darüber freuen kann. Das ist Eastwoods Film, ein Zeigen, kein Werten, keine Moral und Ethik. Die Meinung zu dem Krieg hat sowieso schon jeder für sich, aber diese sollte man nicht gleichsetzen mit der Meinung über den Film. Das Ende und das verwendete Material im Abspann sprechen Bände! (T. O.)

Der Täter, der er nicht sein will. Ab wann ist man Täter und ab wann möglicherweise nicht? Etwas tun heisst auch eine Tat vollbringen. Die Grenze zwischen schuldig und nicht schuldig unterscheidet den Täter von den anders Handelnden. Eine Tat muss getan werden, aber nicht von dem der sie eigentlich nicht tun möchte, oder? Eine Tat wird getan und am Ende will es niemand gewesen sein. Wenn ich gehorche und einen Befehl befolge, der völkerrechtlichen Bestimmungen widerspricht soll ich nicht ein schuldiger Handelnder sein? Ein Widerspruch?

Die Kamera bewegt sich mit frivoler Lüsternheit in den Kopf der Axt, vom Baum weg und wieder in die Wunde des Baumes hinein. Diese Kamera saugt alles auf, was sich vor ihr befindet und verwandelt es in unüberwindbare Poesie. Sie hört zu und schafft pittoreske Lebendigkeit. Das untrügliche Auge der Linse fängt alle Worte des Schreibers ein, ummantelt diese Worte mit dem Panorama der Schönheit. Die Kamera ist es, die Reinaldo karikiert, ihm seinen Charakter selbst offenbart und der von der Alltäglichkeit geprägte Ton überschattet zusätzlich alle Fotografien. Der Klang der Poesie fängt an zu leben, wenn die Kamera sich heilig spricht. Jedes Mal, wenn Reinaldo hingerissen dahinschwebt; jedes Mal, wenn sein Herz erwacht, seine Passion beginnt; wenn er anfängt zu beschreiben, wie er seine Welt sieht, entwickelt sich die Magie dieses Films auf ein Neues und die Kamera wird zur handelnden Begleitperson. Das Objektiv blickt Reinaldo ins schmerzverzerrte Gesicht und es wird blühender Tag. Die Gefühlsblutungen eröffnen mir, dem Betrachter, den Zauber seines Schreibverhaltens, die Mystik seiner Biografie und noch viel, viel mehr. Ich bin Hin und Her gerissen. Dieser Film ist mehr. Julian Schnabel ist hier mehr als Regisseur; er ist Maler; Fotograf; virtuoser Künstler. Er lebt für Reinaldo das Leben einen Augenblick weiter und sein Hauptdarsteller Javier Bardem küsst ihm dankend die Füße. Javier lebt nicht nur das Leben von Reinaldo Arenas noch einmal; er maßt sich an Reinaldo Arenas zu sein. Er gibt ihm sein Gesicht, seinen Körper und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass er zurecht diese Rolle nicht nur einfach spielt, sondern bis in die kleinste Haarspitze verkörpert, denn in diesem Film zeigt er wieder einmal seine ganze Intensität, sein Talent Charaktere in die Wirklichkeit zu projizieren und wieder zu einem lebendigen Wesen zu spielen; offenkundig und oberflächlich kein Schauspieler mehr zu sein. Das Besondere und Faszinierende ist. Before Night Falls wird vor allem dann noch schöner, wenn Viktor, der Oberaufseher, mit seiner Pistole in Reinaldo’ s Mund lüstern herumstochert und versucht ihn von der Revolution zu überzeugen. Diese kurze Szene, in der Johnny Depp zum zweiten Mal auftritt, entwickelt sich für mich, mit zunehmender Distanz, zum wundervollsten und aussagekräftigsten Augenblick des Films. Die Poesie, die Wirkung der Kamera eröffnet unerwartet nochmals eine Steigerung. Das Schöne und Wunderbare ist, dass zu allem künstlerischen Überfluss die Schönheit dieses Films nicht mehr aufhört; sie entwickelt sich weiter; driftet hinaus; schwemmt sich wieder zurück. Als die Pflanze die rasende Bilderlandschaft des Verfalls kreuzt und die lyrischen Worte Reinaldos untermalt, beginnt für mich, neben der eben genannten Szene, der schönste Abschnitt des Films; dieser Abschnitt hat den Mut sich selbst zu zeichnen; sich zu öffnen und zu schließen; hoch und runter; wobei Melancholie und Tragik sich vermischen. Das Ende rückt näher und man wird zunehmend in eine traurigere Stimmung versetzt, um letztendlich im Abspann zu bemerken, dass ein unbegreiflich eindrucksvoller Film schon vorüber ist. (T.O.)

Das biographische Porträt eines Künstlers in eine andere Zeit versetzt; mit nur ganz wenigen Elementen diese Perspektive angedeutet. Damit ist der Film überhöht inszeniert, fiktiv aufgeladen und es ist völlig klar, dass dieser Caravaggio des Films nicht tatsächlich der Caravaggio der damaligen Zeit ist und überhaupt nicht sein kann. Die Grenzen verschwimmen; die Bilder, die Gemälde; das ist schon noch da; biographisch – das kennt man; vieles andere ist mit assoziativen und vergilbten Brücken bemalt – wie Film malen; im Film ein anderer sein; die Geschichte4 irgendwo da auf irgendwelchen Dokumenten; Jarman inszeniert einen Film, der aus unglaublich weitreichenderen Momenten besteht und dabei formuliert er ein vollkommen eigenes und gleichzeitig, erlebnisreiches Bild. Es ist gerade deshalb, weil die Historizität nicht auf Biegen und Brechen gewahrt wird, ein originelles Bild von Caravaggio und seiner Zeit; die Transformation und vielleicht Irritation unterstreicht diese ganze Verformung nur auf stilbildende Weise. (T.O.)

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