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Einsamkeit

Ich fühle mich verletzt und verwundet; habe das Gefühl aufgefressen zu werden; wie ein Lebkuchen am 2. Weihnachtsfeiertag – rasierklingenscharf und abgehoben hänge ich dort im Raum und frage mich, woher ich kommen mag. Ich bin aus des Künstlers Hand geboren und gleichzeitig hat sie mich zum selbst auffressen gebracht; wie ein rückwärtsgewandter Tiger im Gebüsch. Ich sehe schwarz-weiße Kontraste in mir wachsen und dann schwarze Balken aus meiner Erinnerung gewinnen. Welch halber Tod ereilt mich da; welch halbe Vergangenheit bleibt für mich übrig, an die ich mich erinnern kann und an die ich denken muss, weil ich sie nicht mehr kenne. Der 2. Teil ist schwarz über dem 1. Teil angebracht; nicht willkürlich, aber schmerzhaft mir einverleibt oder über mich gestülpt; wie ein lächerlicher Krieg auf meiner Erinnerungslandschaft – raus möchte ich aus diesem Gitter; raus aus diesem Gefangen- und Unterdrücktsein. Es ist ja nicht hoffnungslos und gar nicht aussichtslos so weiter zu existieren, aber meine feinen, wirren Linien sind gebrochen und ich bin vernarbt mit offener Wunde links und rechts, an den Zacken, die mich aufschneiden; meinen Leinwandkörper beschädigen. Dabei rechteckige ich doch nur umher. Mit welchem Recht also dieses Schicksal. (T.O.)

Wieder dieser Film und wieder eine tiefe Depression. Auch weil ich wieder gemerkt habe, dass mich Ekelhaftes auch erregen kann. Das macht mir solche Angst und gleichzeitig ist es Teil des Films, Teil des Themas, dass dieser Film verhandelt. Mechanische Sexualität. Ich will per se nicht sagen, dass mich da irgendetwas anwidert, weil schon einige Abnormalitäten zu sehen sind. Aber meiner Erfahrung nach, darf es nicht als abnormal ausgestellt werden. Das wäre falsch. Menschen sind Individuen, aber man darf gegen etwas sein, gegen diese Mechanik, gegen dieses stupide Rein und Raus und da sind die Frauen auch Teil der Maschinerie, Teil des Spiels oder des Lebens, wie man will. Die Verrohung arbeitet Derflinger natürlich exzellent und ohne Pathos heraus. Eigentlich lässt sich auch keine Wertung erkennen, nur wertet man ja selbst oder nimmt die Emotionen der Charaktere auf, die hier ja nicht in dem Milieu aufgewachsen sind. Das ist ja nicht der Fall. Ein ausgezeichneter Film, der mich erneut in eine Melancholie schmeißt, die richtig ist. (T.O.)

Fünf Geschichten. Fünf Lebensalltage. Mit Problemen und Schwierigkeiten. In Einsamkeit und in Familie. Eine Suche nach Bildern über Liebe und Themen, die zwangsläufig damit zusammen hängen wie Glaube, Beruf. Es ist ein Film mit einem sehr präzisen Charakter. Das merkt man in jedem Bild, in jeder Einstellung und im Endeffekt in jedem Filmkorn. 16Mm auf eine große Leinwand projiziert. Es ist warm und voller Emotion: Mit Video wäre das nicht passiert. Zudem statische Szenen, die die Möglichkeit geben zu beobachten, zu zeigen, auszustellen im positiven Sinn; die alltäglichen Handlungen in ihrer Echtzeit dokumentieren. Ganz klar. Es fühlt sich so homogen an mit der Struktur, mit einer klaren Idee, fundiert. Außerdem bilden die Geschichten, die Leben einen Fixpunkt, eine bestimmte Altersgruppe, die nicht mehr einfach vor den Problemen wegrennen können. In allem Glanz führt mein Gedanke nur zu einem Kritikpunkt, zu einer Problemstellung, die sich für mich während des Sehens konstituiert hat. Die Auswahl der Protagonisten gehorcht einem konventionellen Bild von Beziehungen oder nicht vorhandenen. Wo bleibt da Platz für Gegenbilder: Was ist Liebe? Eine viel zu kleinteilige Studie in diesem Sinn! (T.O.)

Jetzt kann ich es sagen. Jetzt kann ich es schreiben. So etwas, so ein Stück, in dieser Form, mit dieser Vielzahl an Emotionen, Höhen und Tiefen, habe ich noch nicht erleben dürfen. Die Wahrnehmung trügt nicht. Dieses Stück erschüttert mein Herz, wühlt es auf und zerspringt in dem Augenblick, als das Licht angeht; einfach still. Das Publikum ist einfach still und ich möchte ebenfalls nichts sagen, nichts tun, nichts denken; nur weiterleben. Mit dieser Schönheit in meinem Kopf weiterleben; und dieses vollkommene Theatergefühl überleben. Doch warum; wieso dieser Überschwall an kitschigen Füllworten, befüllt mit einer Seele; Verliebtheit. Ich bin verliebt in diese Form von Musik, mit all ihren Dissonanzen, mit all ihrem harmonischen Widerspruch. Sie lebt viel mehr, als alles andere Musikalische in meinem Kopf. Da lebt diese Musik und ich muss schweigen. Ich habe nichts weiter zu tun, als zu schweigen. Mit diesem Kopf, der nicht mehr denken kann; dem dieses Denken sinnlos erscheint. Bei all den tönenden Tönen, Lauten: hin zu einer großen Gesamtkomposition, einem wirklichen Kunstwerk, Erlebnis. Ein musikalisches Stück mit einzelnen und immer auch einsamen Protagonisten, die sich selber Fremdkörper sind; fremd in ihren Körpern und fremd in meiner Erlebniswelt; einsam in ihrem Handeln, auch wenn sie die gleichen Dinge tun; auch wenn sie die gleichen Dinge tun wollen. Von ihrer Einsamkeit können sie sich nicht lösen; einsam und geschunden; überall auf der Bühne verteilt, irgendwo versteckt: unter Stühlen, Tischen, hinter Türen, Schränken, Wänden. Überall hinein wie unter eine Decke versteckt und nichts bleibt mehr von der Tragik, die die ganze Dauer, die ganze Lebensseite des Stücks über mir schwebt. Sie zerspringt mit dem Glück daran teilgehabt zu haben und es hört nicht mehr auf lebendig zu sein. Es hört nicht mehr auf zu leben, wie in einem Gemälde von Edward Hopper: das Licht, die Räume, das einzelne Zimmer; und die einsamen, wunderschönen Frauen, mit ihren bunten Kleidern; durch die Gegend irrend. Nichts mehr als das, irrend durch meine Gedankenwelt, für immer, für immer gegen das Vergessen dieses Stücks: Danke Beat Furrer, Danke Christoph Marthaler. (T.O.)

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