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Lust

Die Realität ad absurdum führen. Zwei Körper in eins gepresst. Mit flüssigen Linien und hybriden Formen, die sich amöbenhaft um alles schlingen, was Widerstand leistet. Eine malerische Leistung. Ein konzeptueller Akt im Malen. Blau, braun und schwarz gemischt. Mit flinken und leicht sichtbaren bzw. erkennbaren Händen und Füßen. Da ist ein Gesicht und vielleicht mag man auch ein halbes Weiteres sehen. Wie beliebig liege ich in dem Horizont, der gebrochen ist, der von zwei Seiten kommt: zwei Figuren, zwei verschiedene Charaktere mit zwei unterschiedlichen Persönlichkeiten. Das ist die Magie, die in diesem Bild liegt, nicht zu wissen, was man eigentlich genau sieht, sondern entscheiden zu müssen, was man eigentlich sehen will. Gibt es da nun Mann und Frau; Mann und Mann; Frau und Frau. Was setzt ein Kuss voraus: Automechanismus oder Liebesakt; freiwillige Entscheidung oder zwanghaftes oder gar natürliches ineinander fallen. Zufälligkeiten, die der Surrealismus voraussetzt, erfordern mehr Zufälligkeiten in jedweder Betrachtung, ob heute, morgen oder irgendwann. Sind da überhaupt menschliche Formen, ist da überhaupt menschenähnlicher Geist. Sicher bin ich in jedem Fall nicht.

Welche Formen kann der Sex alles annehmen, welche Anomalien, welche Perversionen; das klingt so abwertend; welche Leidenschaften. Die Lust ist ein wunderbares Laster, dass uns auch unbegründet zu Höhenflügen antreibt. Zu bestimmten Fragestellungen eine lustige, komische Episode, Situation schaffen; mal mit und mal ohne Woody Allen, relativ unmotiviert bzw. unbegründet die Geschehnisse, die Lust entwickelnd; völlig willkürlich teilweise und naturgemäß mit vielen Klischees behaftet, auch sprachlich variierend; ein verrückter und früher Film; wieder wie eine Studie, ein Essay für Allens spätere – weitaus komplexeren Filme. Trotzdem ist natürlich schon die standesgemäße Allenkomik vorhanden; die entwickelt er hier schon; den Wortwitz; den Hang auch Werke zu zitieren; hier natürlich nicht nur Shakespeares Hamlet. Nicht nur das. Ein spielerisches Komikgeschäft mit Hang zu lüsternen Eigenwilligkeiten – und trotzdem scheint die Episode über die Sodomie mit Tieren; ohne Allen; diese zu sein, die am Besten funktioniert; gerade eben weil die Konstellation in ihrer Absurdität so realistisch scheint – beschäftigen wir uns doch wieder mit der Improvisationskomödie. (T.O.)

Ich beginne langsam diesen Woody Allen von vorne bis hinten zu lieben. Jeder Film hat etwas Eigenes und Individuelles, wenngleich natürlich auch viele Elemente wiederkehren. Die Liebe und ihre Facetten; die Lust und Leidenschaft; sexuelle Aktivitäten. Ständig kehren diese Topoi wieder, aber sie wiederholen sich nicht. Sie sind in ihrer Varianz stets einzigartig. Auch in diesem kurzen und kurzweiligen Komödienstück. Es erinnert von der Geschichte und Phantastik her unglaublich an Shakespeare und das wird hier ja auch thematisiert. Gleichzeitig ist es natürlich mit filmischen Mitteln erzählt und Shakespeare tritt wieder in den Hintergrund. Die Natur und die Darsteller als Kollektiv stehen im Mittelpunkt. Dabei bedient sich Woody Allen keinen detaillierten Aufnahmen, sondern verbleibt in vielen Großaufnahmen, in einem märchenhaften Gestus stecken. Und diese Märchenhaftigkeit versinnbildlicht auch jede Einstellung, jede Szene. Nicht nur deshalb weil Allens Erfindungen so märchenhaft scheinen, sondern weil auch die Geschichte von Träumen und dem Träumen durchzogen ist. (T.O.)

Ein psychologisches und intimes Spiel bis aufs Äußerste. Judi Dench und Cate Blanchett in einem Dialog der Generationen und Weltbilder. Oder auch der Stilbildungen. Das diametrale Schauspiel als Wechselwirkung meiner Emotion. Die Spannung bis ins Unendliche hoch getrieben. Mehr jedoch geht es um eine fiktive Konstruktion von Homogenität. Diese Homogenität entsteht im Bruch mit der Erwartung als Betrachtender. Dieser Bruch ist Ausdruck in Intention und Reaktion von Denchs Figur (als sie ihre Kollegin beim Sex mit einem Schüler beobachtet). Sie vereinnahmt sie sich, um ihre Macht zu stärken, sie als Person in Besitz zu nehmen; nicht mehr allein zu sein. Das tief in die Psyche eintretende Schauspiel von Dench ist ganz im englischen Klischee verortet: reserviert, bedacht, nuanciert und kleinteilig. Im Kontrast dazu gönnt uns Cate Blanchett die notwendige Emotion, die Gier nach Lebenslust und der bedingungslose Ausdruck dessen, was in ihren Launen liegt, ohne Kompromisse, ohne Rückzug. Dass sie mit diesem nur scheinbar leicht-sinnigen Spiel auf offene Arme in Denchs ruhiger und reservierter, jedoch bis aufs Äußerste interessierte Haltung stößt, ist der Schlüssel für die Spannung und Qualität der Filmbilder. Freilich gibt es bei Barbara Covett eine Vorgeschichte zu ihren besitzergreifendem Verhalten wie auch bei Sheba Hart in ihrer Impulsivität. Das alles sind jedoch marginale Bemerkungen, die hinter der Bedingungslosigkeit des Schauspieldialogs zwischen Blanchett/Dench zurücktreten. Da mag mich dann auch das Ende irritieren, indem man versucht die Geschichte im Sinne eines öffnenden Endes einfach weiter zu schreiben mit einer anderen Gegenspielerin. Das braucht dieses Kammerspiel kaum. Überhaupt negiert sich alles um diese Beiden, selbst die liebevolle Darstellung von Bill Nighty als große Vaterfigur – verrückt, spielerisch, kindisch und letzten Endes jähzornig und dann gnädig mit seiner sühnenden Frau. (T.O.)

Eine bigotte Dramatik der Fleischeslust. Lust nach Fleisch. Der Mensch als fleischfressendes Ungeheuer. Lustvoll. Fast erotisch. In einer Liebesbeziehung steckend. Das Fleisch hängt im Raum, ist prominent in den Vordergrund gerückt; im Mittelpunkt das reine Fleisch. Überall hängender Tod. Überall Kadaver. Stillleben, Tiere in Ruhe versetzt; weil man hat sie ja getötet. Essbar machend. Dramatik am rechten Rand des Bildes: ein bissig gieriger Hund; den anderen Hund verdrängend; seine Kinder schützend; kontrastiert von der harmonischen Erotik der Kochenden. Die wollüstige Fleischeslust: mehr als stilles, totes Leben; mehr als abgestorbenes und ermordetes Fleisch. Eine ganz große Zeremonie.