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Sex

Hier oder Da. Dort und nirgends. Überall sind die verschwiegenen Abgründe tief eingegraben in steinerner Natur: Goethe, du unübertroffenes Tier; auf dem Berg; dem Gipfel meiner Seele. Was noch? Was noch! Inzest. Hurerei. Wir Karnickel. Wir Tiere. Der Fehler ist unser Kopf, der Geist, der diese Dinge falsch einordnet. Die Tierwelt verkommt in diesem Maße auf dieselbe Weise, ohne Schuldgefühl; ohne Schmerz. Ich hasse dich. Ich wünschte du wärst tot. Mausetot im Gewitter meiner gedrückten Klaviertasten. Diese Klaviertasten, die über Jahre gestimmt bleiben, die wir kennen, die wir so gut kennen. Dieser Film offenbart nichts Neues. Nur Schauspiel. Nur dieses Schauspiel. Sonst ist da nur Landschaft, eine zwischenmenschliche Geschichte, die keinerlei Wirkung, keinerlei Überraschungsmoment besitzt. Nur Schauspiel. Nur dieses Schauspiel – natürlich, lebendig, kraftvoll. Nicht städtisch, sondern kernig, klar, aufgerieben an der Natur. Abgetragen in nackter, blauer Natur. Stille. Keine Fragen. Stille. Kein Leben. Nur Ficken. Stille. Keine Fragen. Nur Ficken. Mit Papa. Mit Freunden und dem Rest. Nur Schauspiel. (T.O.)

Ganz leise und langsam schleicht sich in die Ehe ein Misstrauen und eine Sehnsucht, die zu ungeheuren Taten treiben. Fanny Ardant, Gérard Depardieu und Emmanuelle Béart: Sie alle irren durch eine Stille und Distanz, die sie auf die Suche treibt. Vordergründig dokumentiert bzw. inszeniert dieser Film freilich das Umherirren von Ardant und Béart. Dabei gelingt es ihm herzlich wenig eine definitive und gesunde Spannung in mir zu erzeugen. Die Handlungen scheinen zu durchsichtig, die Aktionen der Charaktere viel zu unmotiviert, nur leise angedeutet. Ein Dahinschleichen, wie wohl auch diese Ehe dahinschleicht. Trotzdem mag ich nicht daran zweifeln, dass hinter der ruhigen Form der Inszenierung Kalkül steckt. Es ist wenig da, um sich dem bewusst zu bleiben. Das Ende so vorhersehbar, so plakativ. Alles ohne Worte. Das mag ich. Die Filmhandlung ohne Worte, ohne ausgedrückte Misstöne, keine Streitigkeiten, alles stagniert, alles bleibt in Ruhe, im Stillen zurück und man erwartet stets mehr von dem Film, der Traumfabrik, vielleicht liegt genau darin die Stärke des Films. Den Stil der Stille bis zum Ende zu verfolgen. (T.O.)

Brandon ist identitätslos und gleichzeitig tief verwurzelt in einer Vergangenheit, die zum Großteil undeutlich bleibt: ein Ire in New York. Nicht nur der Immigrationshintergrund, sondern vielmehr die Abgründe von Kindheit und Familie – konkret ausgeklammert, nur angedeutet – definieren seinen Charakter (nicht Erzähltes als Identifikationsmerkmal). Der Verlust von der Fähigkeit konkreter Inanspruchnahme zwischenmenschlicher Beziehungen negiert sich in der Abkapselung und Verführung vom Inseldenken im Phänomen Großstadt. Brandon ist identitätslos, weil sein glattgebügelter und frisch rasierter Alltag nur den Schematismus von pornografischen Bilder und Tönen sowie zwanglosen Realitäten kennt. Er ist identitätslos, weil er selbst beim Versuch Beziehungen aufzubauen in Nullkommanichts in sein altes Denkmuster verfällt. Er ist identitätslos, weil er die Beziehung zu seiner Schwester zu negieren versucht. Er ist identitätslos, weil er tiefer und tiefer gesellschaftlich eindringt in Abgründe und identitätsloser Sexualität. Er formuliert in seinem Alltag ausschließlich Negationen. Das scheint viel weniger mit dem Phänomen Großstadt, als mit seiner Immigrationsgeschichte zu tun, seiner verborgenen Kindheit. Insofern ist New York trotzdem Dreh- und Angelpunkt im Sinne einer Identität der Stadt, die so hoch hinausgeht und so tief nach unten reicht; gleichzeitig völlige Einsamkeit produzieren kann. Die besonderen Momente sind in diesem Depressionsfilm demnach jene, die Emotionen beim Zuschauenden evozieren – Mitgefühl, Mitleid, mittelbar mit sich selbst. Brandon begreift seine Situation, versteht die Abstoßung seiner Schwester und seine gleichzeitige Verantwortung: Essenz des Films. Familie bindet und emotionalisiert. Oder Brandon mit seiner Arbeitskollegin im Hotelzimmer begreift, dass dieser Sex mit Identität für ihn überhaupt nicht mehr möglich ist. (T. O.)

Ton und Bild bis zur emotionalen grenze aller Wahrnehmbarkeit: Sexualität, Drogen, Orientierungslosigkeit und vor allem Unbekümmertheit der Jugend. Das ist Larry Clark. Seither ist seine Kunst für viele gesellschaftliche Kreise Provokation, Potenzial zum Aufstand, aber im Grunde zeigt er das, was hyper-real und in seinen Augen – die ja auch Teil des Films sind – auf den Straßen von Paris, im Kreis eine Gruppe Jugendlicher, die um den Palais Tokyo ihren Alltag verbringen. Hier ist Paris nicht Hochglanz, nicht Verklärung, sondern das Pixel im digitalen Bild. Vielleicht gab es noch keinen Filmemacher, Künstler, der besser und kraftvoller mit den Möglichkeiten des digitalen Bildes umzugehen wusste – wuchtig, einzigartig, treffend. Für immer jung sein und nicht an die Konsequenzen des Handelns denken, einfach tun – aus einem Gedanken, einem Gefühl, einer Emotion heraus. Larry Clark hat hierfür stets Bilder gefunden, für die Naivität und gleichzeitig tiefe Verletzbarkeit, aber hier kommt er darüber noch einmal hinaus. Alles Körperliche einer Pariser Jugend ist zwischen Drogen, Skaten und Sexualität ausgestellt: der Schweiß auf nackten Körpern, Schamhaare, Achselhöhlen, die nicht rasiert sind. Der Sex zweier sich zugeneigten Jugendlichen zwischen den Augen der gesamten Gruppe – offen, liebevoll, direkt. Die Anderen beobachten und filmen all das, was passiert und erst dadurch konstituiert sich die Normalität der Bilder für diese Clique – authentisch, offensiv, klar. Den Fokus und nicht die Konzentration legt Clark dabei auf den Jungen Math, der sich prostituiert und an die damit verbundenen Erfahrungen zu verzweifeln und mehr noch in seinem Seelenzustand zu verrohen. JP liebt seinen Freund über alles, aber erträgt mit zunehmender Dauer des Filmes die Distanz und Gleichgültigkeit nicht mehr, die Math durch seine Erfahrungen ausstrahlt. Letzten Endes stoßt ihn Math weg und JP tötet sich selbst vor des Mutters Augen im Palais Tokyo. Selbstmord in Hochglanz und weiter dreht sich der Kreis. Die Jugend geht weiter. Der Tod von JP kein Thema im Schluss des Films. (T. O.)

„I don't know my way home.“ Amy kehrt mit ihrem Mann David Summer in ihr englisches Dorf zurück. Nach sechs Jahren Abwesenheit wieder nach Hause kommen, mit alten Erinnerungen und neuen Erwartungen. Richtiges Dorfleben: Für die Kinder ist der Friedhof gleichzeitig Spielplatz; für die Erwachsenen ist der Pub Zeitvertreib durch und durch. Alkoholismus, Gewalt, Vergewaltigung. Peckinpah am tiefen Abgrund der Gesellschaft. Die Ambivalenzen und Dissonanzen treiben sich zum Höhepunkt. Sexuelle Provokation gleich zu Beginn: Amy trägt keinen BH. Close Up ihrer Brüste, deren Nippel durch ihren Sweater hindurch zu sehen sind. Schnitt. Charlie, ein alter Freund von Amy, lächelt und geht auf sie zu. Amy ist im Schlepptau mit einem Geburtstagsgeschenk für ihren Mann. Eine riesige Bärenfalle, die sie zynisch einen Menschenfänger nennt. Peckinpah fällt mit der Tür ins Haus. Die Situation ist von der ersten Minute an bedrohlich. Das Duell zwischen Charlie und David ist eröffnet. Trotz der anscheinend simplen Konstellation besticht der Film durch seine Komplexität in Schnitt und Musik, die dessen Vielschichtigkeit konstituieren. Es lebe die Montage! Peckinpah und die Vergewaltigungsszene. Das ist das Kino an seinem Extrempunkt, in einer furchteinflößenden Form – ambivalent, brutal, hinterlistig. Die Bilder bleiben in Amys (und in meinem) Kopf kleben und kehren immer wieder. Die Vergewaltigung an ihr ist das Spiegelbild eines Unfalls zwischen der jungen Janice, die in ihrer Naivität irgendjemanden verführen will. An diesem Unfall bauscht sich die Situation im Dorf auf, die bereits bis zum Anschlag aufgeladen ist. Der Film lässt den Zuschauenden in keiner Sekunde in Ruhe, nichts führt hier zur Entspannung – hochexplosiv, bedrohlich, tödlich. Im Nebel belagern fünf Männer das Haus der Summers, darunter zwei ihrer Vergewaltiger. David ist fest entschlossen sein Haus und den flüchtigen Niles vor diesem Mob zu schützen – manisch, überlegt, über sich hinaus wachsend. In der Dunkelheit die Selbstverteidigung. Showdown zwischen Leben und Tod. (T. O.)

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