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Stille

Ein so stiller Film und die Stille ist hier bedrückend, beängstigend und gewalttätig. Was hier im Stillen passiert, ist nicht alltäglich. Ein durchkomponiertes, elliptisches Essay. Eine dürre, blonde Frau, die sich in Verzweiflung, Depression und Einsamkeit befindet. Da ist nichts mehr, an das sie glauben mag. Insofern verwundert es nicht, dass sie dem Tod frönt – mit ihren stillen Morden und der Sammelleidenschaft von Gegenständen der Toten. Die soziale Abgrenzung kulminiert in die Freude sich sexuell zu nötigen und überhaupt mit Schmerz auf andere Gedanken zu bringen. So ist auch der Moment, als sie die Vergewaltigung mit Genuss beobachtet und am nächsten Tag das Kondom mit dem restlichen Sperma aufliest, mit nach Hause nimmt und über ihre Oberschenkel träufelt, der Wendepunkt in der Geschichte. Die Fragen werden langsam beantwortet. Der Ruhe in den Bildern und in ihren Handlungen folgen Unruhe und Gewalt. An diesem Punkt ist sie bereit zwischenmenschlich Risiken einzugehen, sich mit Konrad – dargestellt von diesem famosen und vielseitigem, sich hier vor der Kamera wild masturbierenden Lars Eidinger – auseinander zu setzen, sich ihm völlig hinzugeben, ihm zu unterwerfen, die Gewalt anzunehmen – nackt; verkümmert; gekrümmt am Boden. Das muss ihren Selbstmord bedeuten, weil es sich für nichts mehr zu leben lohnt. Das akzeptiert man als Zuschauender mit Wohlgemüt. Die anstrengenden Bilder sind zu Ende. (T.O.)

Ins Tal steigt er hinab, um zu töten, sich zu rächen... Aus dem Tal steigt er heraus und spürt keine Befriedigung. In dem Racheakt für das Schicksal seines Vaters und seiner Mutter bringt Greider acht Menschen um: den Brennerbauer, seine sechs Söhne und den örtlichen Priester. Andreas Prochaska inszeniert mit Das finstere Tal knallhartes Genrekino, verortet in Südtirol, ein europäischer Western: natürlich mit Referenzen und Bezügen, die aber über eine reine Westernhommage hinaus gehen. „Die Freiheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gerne machen lässt.“ In diesem Tal herrschen andere Gesetze. Die Bewohner ordnen sich einer gewaltsamen Hierarchie unter, derer die Brennerbauern vorstehen und auch vor sexueller Gewalt nicht zurückschrecken. Am Ende müssen sie mit einer gewonnen Freiheit umgehen, die sie nicht unbedingt wollten. Das ist nur eine Randbemerkung des Films und öffnet Gedanken die Geschichte weiter zu spinnen, verklärt aber auch ihr starres Akzeptieren der tyrannischen Kontrolle des Brennerbauern – mit gehangen, mit gefangen. Der Bruch durch Greider ist demnach weder als Erlösung für das Tal zu verstehen, noch für ihn selbst: ein reiner Racheakt und Sünde durch und durch. Diese Ambivalenz zwischen Suchen und Finden kommt wunderbar in der Inszenierung Prochaskas zur Geltung – opernhafte, übertreibende Filmmusik und eingewobene wummernde Popsongs: Leon Bibbs Sinner Man in zwei verschiedenen Interpretationen an den Anfang und das Ende gesetzt. Das und auch einige andere Elemente erinnern mich an Bunuels The Young One. Sam Riley als Greider spielt einen fremden, wortkargen Rächer, der fast immer tief vermummt auftritt. Rileys Gesicht stets mit einem emotionslosen bzw. gequält lachendem Ausdruck: gezeichnet und getrieben von seinem inneren Zorn. Die große Leistung des Casts diesen Schauspieler unbedingt für diese Figur besetzen zu wollen. Zu guter Letzt sind es die Kamerabilder, die dem Film eine Atmosphäre geben, die einerseits die Kälte und Brutalität als Stilmittel in einer gewissen Westerntradition zu nutzen weiß. Die Winter sind lang und kommen doch zu einem Ende... (T. O.)

Ein kleines Steinhäuschen mitten in einem riesigen Friedhof zwischen anderen Gräbern und Steinen. Ferrara. Abseits. Am Ende des weiten Ortes. Das Grab von Michelangelo Antonioni. Ein Regisseur. Natürlich nicht irgendein Filmemacher, sondern einer der oder den Italien geprägt hat – zumindest das 20. Jahrhundert. Es ist wunderbar an solchen Orten zu sein, weil man begreift, dass hinter diesen Filmen, hinter diesen Werken ein menschliches und zumindest körperlich sterbliches Wesen steckt. Ein wunderbarer Traum, der mich befällt und vielmehr zufällig sind wir hier gelandet, gar nicht so gezielt oder bewusst haben wir diesen Ort gesucht. Der Zufall hat uns an diese Stelle geführt und treibt in mir die Lust an, mich noch näher mit diesem Mann zu beschäftigen. Es scheint mir in diesem Moment viel wichtiger zu sein als alles andere und dafür lohnt es sich an diesem Ort zu sein, um fasziniert, um interessiert zu werden. Es macht ja keinen Sinn ihm zu huldigen, ihn zu feiern, nur weil ich hier vor seinem Grab sitze und schreibe. Es ist doch viel wichtiger, etwas aus dieser zufälligen Begegnung mitzunehmen und zu spüren, dass sich solche Begegnungen zwischen Leben und Tod durchaus lohnen. (T.O.)

Absoluter Bruch mit den Dingen, die ich bisher gesehen habe. Das fängt bei den anfänglichen Credits an: Keine Musik. Ein tieftrauriger, fast depressiver Film. Für Woody Allen in dieser sehr düsteren melancholischen Form ein Unikat. Ganz leise; mit kurzen lauten Schreien; zu absoluter Stille auf dem Meer, dem Tod – heiliger Woody Allen. Dankbares Geschöpf. Ein durchkomponiertes Tragödienstück bei dem die Charaktere so tief vor sich hin vegetieren, dass einem Angst und Bange wird. Welche Stimmung muss Allen beim Schreiben dieses Drehbuchs gehabt haben; welches Glück empfinden, dass er frei davon geworden ist. Die Reihe seiner Filme liest sich unvorstellbar: Annie Hall 1977; Interiors 1978; Manhattan 1979. Drei Jahre. Drei bezeichnende Filme für Allens Oeuvre. Eine kraftvolle Inszenierung der Familienabgründe; der geheimen Wünsche und Tristessen; der verborgenen Sehnsüchte. Drei Geschwister. Drei Individualitäten. Auf der Suche nach einem bestimmten Ausdruck ihrer Persönlichkeit und keine hat ihn wirklich gefunden. Alle gebrochen. Alle zerrissen. Fast alles ohne Musik: nur für die Hochzeit kurz aufgelegt. (T.O.)

Einen Film machen. Über ein Thema, dass man kaum fassen kann. Einen Film gestalten. Mit einer Idee. All das erkennt man hinter Michael. Da gibt es keinen Pathos, nur die Täterperspektive. Sonst nichts. Der Täter ist völlig unscheinbar, hat kaum eine Biographie und das ist in der Tat überhaupt nicht wichtig. Hier geht es nur um den Ist-Zustand. Mehr nicht. Das impliziert einen ganz bestimmten Stil, eine Richtung, eine Meinung und man versteht den Dank an diesen Michael Haneke. Da ist ein ganz klarer Bezug in dem Rhythmus und dem nicht zeigen oder Auslassen von bestimmten Elementen oder Dingen, Strukturen. Das ist zumindest mein Eindruck. Mit dem was ich sehe, stehe ich ein bisschen in Konflikt. Es gibt nur das, was mir gezeigt wird, in klaren Bildern, in atmosphärischen Tönen, Alltag. Darüber geht es nicht hinaus. Doch was erfahre ich dadurch. Warum in dieser Weise einen Spielfilm formulieren. Es ist ein Pseudodokumentarfilm habe ich das Gefühl, der sich sich dessen Elemente irgendwo zu Nutze macht, um Zustände zu inszenieren. Der richtige Umgang damit? Ich weiß nicht. Oder der Bessere? Das dröselt sich mir noch nicht ganz auf. Was passiert mit mir, wenn ich das Gesehene versuche zu kontextualisieren. Was ist da der Kontemplationsprozess? Ich bin mit einem inszenierten Täter konfrontiert, eine exemplarische Studie dessen, was sein könnte. Irgendwo. Neben mir. Über uns. Das ist mir aber doch auch vorher schon bewusst. Oder etwa nicht? Was ist also der Mehrwert vom Film? Er inszeniert mir etwas? Da bin ich mir nicht ganz sicher, wie ich diese Wirkung auf mich begreifen soll. Natürlich: tief betrübt, melancholisch, die Melancholie... Man nimmt das schon auf, was Schleinzer alles damit anders machen möchte und es gelingt ihm auch sein Konzept eindrücklich auf die Leinwand zu bringen. Keine Frage. Aber für mich ist dieses Thema so schwer konsumierbar, vielleicht auch, weil ich selbst Bilder dafür gesucht und für mich gefunden habe. Da gibt es keine Menschen. Da gibt es nur Struktur, nur Formen. Hier gibt es eine konstruierte Geschichte, die mich irritiert. Das ist vielleicht wirklich mein Problem trotz aller Brillianz des Films. Das ist eine Charakterstudie von einem Charakter, der so präzise dargestellt ist. Aber völlig distanziert, völlig weit... Da kommt man noch nicht wirklich damit klar, weil man nicht glaubt, dass es dieser Mann von nebenan gewesen war. (T.O.)

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