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Unklassifiziert

Rückblenden. Traumbilder. Hin und Her. Ein Wechselspiel zwischen Zeiten und Erinnerungen, zwischen Erlebtem und Ausgedachten. Das Ausgedachte legt den Mantel um unterdrückte Wahrheiten, die so tief sitzen in einem oder in ihrem selbst. Das spürt sie und danach sucht sie. Amalia oder Delia. Auch hier unterdrückt sie Buchstaben, bekennt sich nicht zu ihrer Identität, so lange sie nicht diesen Abgrund für sich aufgedeckt hat. Diese Figur ist so vielschichtig wie diese Schauspielerin hergibt und das ist eine ganze Menge. Es ist freilich auch ein Film über die italienische Landschaft und Urbanität in Neapel, vor allem eine Elegie auf die Schönheit der Frau und die Inakzeptanz sowie Borniertheit der Männer. Machohafte Strukturen sind so lächerlich und so wirken sie auch. Die Pädophilie wird nur dezent angeschnitten, nicht ausgestellt und das macht sie so real. Nimm ihn in den Mund, Kleine! Das kann jeder sagen und das kann jeder machen. Die Kinder wissen natürlich nicht damit umzugehen. Das eigentliche Thema ist jedoch der falsche – also sicher unbewusst falsche Umgang damit, weil man sich in nicht intakten Beziehungen befindet. Das zeichnet Martone wunderbar. Delia spielt diesen Zwiespalt völlig unprätentiös, völlig abseits jeden Klischees. (T.O.)

Es ist doch von vorneweg ein wunderbarer Gedanke sich auf die Reise eines Buches zu begeben, um deren reale Geschichten zu fokussieren. Im Falle von Robert Franks revolutionärem Fotobuch The Americans ist diese Reise zweierlei Suche: nach Historie und Ästhetik. Die Historie kann natürlich nur anhand jener Impressionen abgehandelt und erforscht werden, die Frank uns mit seinen Fotografien präsentiert. Die Suche erzielt unzählige kleine Geschichten, die natürlich in diesem Film zu Chroniken avancieren sowie ein Bild von Frank zeichnen, das außerordentlich ist. Andernorts ermittelt der Dokumentar in diesem Film auch einen Blick auf Franks Ästhetik, die Neuigkeiten zu Tage trägt. Insbesondere das Gespräch und vor allem der Besuch bei Franks Vertrautem Fotolaboranten macht mich unheimlich zum Träumer. Es ist offensichtlich, dass dieser einen großen Anteil an der Wirkung der Bilder hatte und Frank Art und Weise zu fotografieren besonders ausleuchten konnte. Natürlich immer mit dem Gewissen an Franks ästhetischen Gedanken, der Künstlerhand. Obgleich die Transformation der fotografischen Erzeugnisse in geeignete Filmbilder vielleicht nicht immer stringent gelungen ist. (T.O.)

ich tue etwas
es erfüllt mich
ich bin Künstler
ich lebe arm
nur für Kunst
für Leben
davon träume ich
ich der Künstler
dort meine Kunst

(T.O.)

Der Vorhang geht nach oben und man sieht einen Prozess. Etwas findet statt. Ein Roman wurde beurteilt; interpretiert. Der Prozess wird zum Ereignis. Ein Roman wird zum Stück. Ein Stück bleibt beim Roman; im Buch an sich. Nicht im Sinne von stecken bleiben, sondern im Sinne von genau wissen, was man inszeniert. Inszenierung durch vortragen und erzählen und erzählt wird vom Erzähler selbst. Ein Erzähler den man nicht in persona definieren kann, weil er nicht als Individuum existiert. Auch die Figur Josef K. existiert nicht im Einzelnen; nicht als individuell fassbare Person. Josef K. bleibt unbestimmt und auch wieder nicht. Josef K. ist man selbst und auch wieder nicht. Josef K. ist tot und tot ist man nach dem Stück selber ja nicht; vielleicht tot im Sinne von müde, aber nicht tot im Sinne von nicht mehr leben. Josef K. ist genau das. Er ist tot. Sein Tod ein Teil unserer Wahrnehmung; sein Sterben dem Publikum vorgeführt. Das wurde Josef K. in diesem Stück. Nicht gestorben in einem privaten Raum, indem man vielleicht den Roman von Franz Kafka gelesen hat oder lesen wird. Nein. Gestorben in einer Öffentlichkeit, die den Tod von Josef K. vorgeführt, präsentiert bekommt. Es ist ein inszenierter Tod. Auf die Bühne gebracht, immer wieder auf die Bühne gebracht. Auch den Tod von Josef K. muss man nämlich nicht nur verstehen, als wirklich nicht mehr leben, sondern vor allem seinem Sterben als Individuum durch ominöse Rechtssprechung, sein verrückt werden durch die Kälte eines undefinierbaren Justizapparates. Josef K. stirbt vor allem deshalb, weil es für ihn keinen Ausweg mehr aus seiner unklaren Schuld zu geben scheint; er geht zu Grunde. Josef K. sterben sehen. Das kann der Zuschauer bis ins Detail. Für den Zuschauer den Tod in Szene gesetzt, sodass er dem Sterben von Josef K. zuschauen kann; sodass er das Ganze mysteriöse Geschehen beurteilen und für sich abarbeiten kann. Durch seine Augen sehen kann. Das ist das, was auf der Bühne passiert, wenn man inszeniert. Dem Zuschauer einen neuen Blick auf etwas zu geben. Die Sinne zu fordern. Zu merken, was man denken kann; was man denken und fühlen möchte; was die Sinne aufnehmen und verarbeiten möchten bzw. können. Im Besonderen bei diesem Stück, kommt es darauf an, was man sehen kann, nämlich insoweit, dass das, was man sieht oder auch sehen möchte, das Auge selbst ist. Ein Auge auf die Bühne gebracht. Selbstreflexion. Doppelprojektion im Augenspiel. Das Auge als Büro. Das Auge als Zeit; als tickende Uhr. Das Auge als Schlafzimmer und als Ort wo man stirbt. Das Auge als Fixpunkt für den Betrachter. Man ist gefangen im Auge und auch wieder nicht. Man ist nicht wirklich gefangen in diesem Auge, weil man dahinter blicken kann; weil man hindurch schauen kann. Das Auge öffnet Hier und Da seine Pforten und bleibt dennoch immer präsent; genau wie das Wort ist es für den Betrachter omnipräsent. Es ist ständig im Blick. Das eigene Auge im Einzelnen wird gereizt; bis ins Detail gereizt und gefordert. Nicht weil es überflutet wird mit Bildern, sondern gerade deshalb, weil sich sehr wenig auf der Bühne bewegt; weil nicht wirklich viel passiert neben dem, was geredet wird. Aus diesem Grund ist das Auge gefordert auf die Details zu achten; die kleinen Nuancen der Bühne zu sehen und für sich zu deuten; mit den Hinweisen der Bühne in der Lage sein zu denken. Das wird gefordert. Das unterscheidet den Prozess vom Roman. Das macht das Stück zu einem Ereignis, das fordert und aufrüttelt; immer wieder von vorne beginnt. Das Innere des Bühnenauges dreht sich. Dann neigt es sich; öffnet den Blick. Man starrt ins Schwarze Nichts, indem die Stimmen von Josef K. verschwinden und wieder zurückkehren; Echos entstehen. Schatten erscheinen im Licht. Sie verschwimmen mit dem Auge, das man sehen kann; mit dem Echo, das man hören kann. Das Innere des Bühnenauges schließt den Blick. Es dreht sich wieder langsam im Kreis; ständig steht es im Kreis. Bis zum Tod. Als Josef K. tot im Inneren des Auges hängt, bleibt die Drehscheibe stehen. Der Vorhang geht nach unten. Ein Prozess ist beendet worden. (T.O.)

Es ist bezeichnend, dass die Pest, also eine Krankheit eine menschliche Gestalt annimmt. Sie hat eine Sense in den Händen und reitet auf einem Fabelwesen, fliegend mit langem Hals und spitzem Maul, der gefräßig nach Menschen hascht. Die gesamte Figur reißt alles um sei herum in den Tod und ist somit absolut vom Sterben und dem Leiden umgeben. Eine grausame Atmosphäre im Bild deren Fluchtpunkt in der Gasse nicht existiert. Man verliert sich in dem versteinerten Leichenweg. Die Gasse selbst nimmt auch nach vorne, also hin zum Betrachtenden kein Ende ein. Die Pest holt sie alle. Auch deshalb scheint sie in überlegener Position dargestellt zu sein – und wie kann das besser gehen als mit einer fliegenden Stellung. Gefolgt von einem enormen Luftsog, den sie hinter sich herzieht – grausame Gestalt; grausamer Bildeindruck auf dem man sich ungern einlässt. Darin liegt in meinen Augen eine ambivalente oder kontrapunktische Qualität in Böcklins Arbeit. Das Grauen und vielleicht auch Gewalt (wobei oft in Allegorie verhüllt) so präzise und atmosphärisch darstellen zu können: derjenige der sich darauf einlassen mag, belohnt sich selbst, andere schreiten einfach vorüber. (T.O.)

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